Bürgerentscheid in Kiel : Zoff um Werbung für Möbelmarkt

Werbung pro Möbel Kraft: Detlef Hammerich distanziert sich jetzt öffentlich davon.
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Werbung pro Möbel Kraft: Detlef Hammerich distanziert sich jetzt öffentlich davon.

Kurz vor dem Bürgerentscheid in Kiel über die Ansiedlung von Möbel Kraft geht der Kampf in die heiße Phase. Die Stadt hat Ärger wegen ihrer steuergeldfinanzierten Kampagne - und ein Werbegesicht des Unternehmens bereut öffentlich die Teilnahme an der Aktion.

shz.de von
13. März 2014, 04:55 Uhr

Der Kampf um die geplante Ansiedlung von Möbel Kraft in Kiel geht in die heiße Phase. Eineinhalb Wochen vor dem Tag des Bürgerentscheids und der Oberbürgermeisterwahl haben sich zwei Kriegsschauplätze aufgetan. Zum einen geht es um die umstrittene, steuerfinanzierte Kampagne der Stadtverwaltung (30 000 Euro), die klar für den Bau des Möbelmarktzentrums wirbt. Die Linke-Fraktion im Kieler Rat hat Beschwerde bei der Kommunalaufsicht eingelegt, die Behörde will noch diese Woche entscheiden. Zum anderen geht es um die Werbung des Segeberger Unternehmens selbst. Möbel Kraft lässt Persönlichkeiten für die Ansiedlung zu trommeln – auch den Dipl.-Biologen Detlef Hammerich, der für die Stadt das biologische Gutachten über die Auswirkungen des Baus auf die Artenvielfalt des Kleingartengeländes erarbeitet hat (wir berichteten). Doch plötzlich bereut der seine Teilnahme. Kaum ist die Kampagne angelaufen, distanziert Hammerich sich öffentlich davon. Die Gegner der Ansiedlung jubeln. Möbel Kraft dürfte fluchen.

Ein paar Zahlen und zwei Sätze sind es, die Detlef Hammerich auf einem Werbeplakat, das ihn mit erhobenem Daumen abbildet, zugeschrieben werden: „246 000 Quadratmeter Grünflächen für Kiel und 68 geschützte Arten. Grüner Daumen hoch!“ Möglicherweise hat der Biologe, der für das Büro Bioplan in Neumünster arbeitet, für seine Aussagen Gegenwind erhalten, deswegen auf der Internetseite (www.bioplan-sh.de) eine Stellungnahme veröffentlicht. Sie beginnt mit dem Satz „Manch einer fragt sich dieser Tage, was mich geritten hat, sich in der aktuell diskutierten Form für Möbel Kraft einzusetzen.“ Er wolle nun für Klarheit sorgen. Mitte Februar sei er gefragt worden, ob er mit den übrigen Gutachtern für eine Werbekampagne zur Verfügung stehe. Hammerich: „Ich sah die Möglichkeit, die z. T. hitzig geführte Debatte um die Ansiedlung von Möbel Kraft im Hinblick auf die ökologischen Fragen zu versachlichen. Schließlich zeigte sich im Zuge der Untersuchungen und Analysen, dass das Vorhaben m. E. unter Berücksichtigung der gebotenen Vermeidungs- und Ausgleichsmaßnahmen artenschutzrechtlich zulässig ist.“ Die Reduzierung auf die Aussage im Plakat sei mit ihm zwar vorabgestimmt worden – sie „wird aber natürlich der Komplexität der Sache nicht gerecht“, schreibt der Biologe. Er stellt klar, von Möbel Kraft nicht „gekauft“ worden zu sein: „Für meine Mitwirkung habe ich keine Gegenleistung erhalten, kein Geld und auch keinen Möbelgutschein.“ Im letzten Satz äußert er Bedauern: „Im Nachhinein ist mir klar, dass meine Zustimmung zur Kampagne unüberlegt war und ich das nötige Fingerspitzengefühl habe fehlen lassen.“

Die Initiative gegen die Ansiedlung des Unternehmens in Kiel, die auch den Bürgerentscheid erzwungen hat, stimmte Hammerich grundsätzlich zu. Sie kritisierte aber die Aussagen als Versuch der Versachlichung: „Weder werden nennenswert zusätzliche Grünflächen in Kiel geschaffen, noch werden dort 68 Tierarten (gemeint sind wohl die 59 dort lebenden Vogelarten, acht Fledermausarten und der Kammmolch) geschützt.“

Bürgermeister Peter Todeskino (Grüne), sieht indes kein Problem in der Kampagne der Stadt: „Selbst wenn die Plakate eine werbende Wirkung haben sollten, wäre das unschädlich. Der Bürgerentscheid soll eine Entscheidung der Ratsversammlung und damit eines durch Wahlen demokratisch legitimierten Organs der Landeshauptstadt Kiel kassieren.“ Allein der Beschluss der Ratsversammlung rechtfertige den Einsatz von öffentlichen Mitteln für die Plakataktion. „Auch ich bin steuerzahlender Bürger in diesem Land und nicht mit jedem Vorhaben einverstanden, das mit Steuergeldern finanziert wird“, antwortet Todeskino trotzig auf den Fakt, dass auch Steuergelder der Gegner für die Plakate verwendet wurden.

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