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Kieler Speedkiter : Ziel: Das schnellste Brett der Welt

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Kieler Tilman Heinig (53) ist Deutschlands einziger richtiger Speedkiter – er schafft mehr als 100 km/h und baut seine Bretter selbst. Doch er malt auch. Demnächst ist zudem in Kiel eine Ausstellung zu sehen, die ihn auf Fotos im Orkan „Christian“ zeigen.

shz.de von
erstellt am 13.Aug.2014 | 06:48 Uhr

Der Wind bestimmt sein Leben. Während es Kitesurfern um die Artistik und trickreiche Sprünge geht, ist Tilman Heinig auf Speed. Freestyler sind mit Windstärken von 4 bis 5 Beaufort schon sehr zufrieden. Er wird bei Windstärke 7 erst richtig wach, und bei Windstärke 9 ist er ganz in seinem Element. Dann kann er in der Welle Vollgas geben und bei Glattwasser mit über 100 km/h über das Wasser gleiten. Tilmann Heinig ist Speedkiter. Weltweit gibt es etwa 150, die diese Sportart richtig betreiben, in Deutschland ist er nach eigener Aussage der Einzige. Warum er das macht? „Der Energieschub beim Kitesurfen wirkt wie eine Droge“, sagt er. Die Kieler Förde war sein Trainingsgebiet. Nebenbei hat er als Hafenkassierer in Kiel-Schilksee gearbeitet.

Keine Frage, dass Tilmann Heinig auch am vergangenen Wochenende beim World Cup der Kiter in St. Peter Ording dabei war, allerdings nicht als Teilnehmer, denn Speedkite wird hier nicht als Disziplin präsentiert. Tilmann Heinig findet das sehr schade. Er kann nicht verstehen, warum der Funke nicht überspringen will und Speedkiten nur ein Randphänomen auf dem Wasser bleibt. Für ihn ist Schnelligkeit ein Mittel für sein eigentliches Lebensziel, „das endgültige Brett, das schnellste Brett der Welt“ zu bauen. Eigentlich ist er nämlich Industriedesigner. Sollte er der schnellste Kiter der Welt werden, hat er bewiesen, dass er das perfekte Brett gebaut hat – so denkt Heinig.

Mit 14 stand er zum ersten Mal auf einem Surfbrett. Jetzt ist er 53 Jahre alt und feiert im nächsten Jahr sein 40-jähriges Surfjubiläum. „Schneller werde ich nicht mehr“, sagte Heinig und lächelt verschmitzt.

Vor sechs Jahren hat er den absoluten Segel-Weltrekord geknackt – er war der erste Mensch, der über 50 Knoten erreichte. Beim Defi Kite, einem Long-Distance-Rennen über 20 km/h, einem Speedkite-Wettbewerb in Frankreich Ende Mai, hat er abgeräumt: Platz 4 in der Gesamtwertung, bester Amateur und Bester in der Gruppe der über 40-Jährigen. Und das unter erschwerten Bedingungen. „Ich habe an diesem Wettbewerb noch nie teilgenommen, kann kein Französisch und wusste überhaupt nicht, wo es langgeht“, erinnert er sich und fügt hinzu: „Es war ein Riesenerfolg. Mein Brett hat triumphiert. Mehr kann ich nicht erreichen.“

Doch dann bekommt er Zweifel. Wie immer ist er auch bei den Wettkämpfen in Frankreich täglich auf dem Wasser und nutzt jede Gelegenheit, bei perfekten Bedingungen zu kiten. Aber plötzlich denkt er: „Es reicht jetzt. Ich bin satt. Ich höre auf“. Er ist selbst ganz überrascht und kommt ins Grübeln. „Ich schäme mich, dass ich in meinen ganzen Leben nur gesurft bin und nichts Vernünftiges gelernt habe“, findet Tilman Heinig. „Was soll jetzt bloß aus mir werden?“, fragt er sich selbst ganz ernsthaft.

Tilman Heinig ist in einer kunstbegeisterten Familie aufgewachsen. „Wenn andere sich über Fußball unterhalten haben, haben wir über Kunst gesprochen“, erklärt er, warum er nicht nur Industriedesign, sondern auch Malerei studiert hat. „Kunst und Sport haben viel gemeinsam. Man muss trainieren“. Gerne würde er seine Kiteerfahrungen auch an andere weitergeben. „Aber viele geben viel zu schnell wieder auf“, bedauert er.

Zurzeit verbringt der Kieler viel Zeit in Amsterdam. Er liebt die Energie, den Trubel dieser Stadt, die ihn zu ausdrucksstarken, intensiven Bildern anregen. „In Amsterdam ist es saftig, bunt, krumm, voller Energie. Hier habe ich mein Motiv gefunden, das ich immer gesucht habe“, sagt er. Auch in der Malerei will er etwas Neues entwickeln. Seine Bilder kommen an. „Die Leute bleiben stehen. Viele sind sehr interessiert“. Eine Galerie stellt ihn bereits aus. Doch das Größte wäre für ihn, wenn sein ultimatives Speed-Fun-Brett in Serie produziert werden würde. In St. Peter Ording hat er sich bereits mit einem Interessenten verabredet.

Beim Aufbauen des Kites kann Tilmann Heinig eine helfende Hand immer gut gebrauchen. Susanne Schenkel begleitet ihn seit vielen Jahren und dokumentiert seine Kitetouren auf Fotos. Wer Tilmann Heinig während des Orkans Christian am 23. Oktober des vergangenen Jahres bei Windstärke 12 auf dem Wasser sehen möchte, der kann dies im Rahmen einer Fotoausstellung tun. Eröffnung ist am 22. August, 10 bis 12 Uhr in der Galerie im Anscharpark, Haus 1, Weimarer Straße 8, 24106 Kiel, Raum 10 im ersten Stock.

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