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Bündnis für bezahlbaren Wohnraum : Wohnungsbau: Reine Fassade?

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

In Kiel entstehen aktuell vier Wohnanlagen. Das Bündnis für bezahlbaren Wohnraum vermisst Angebote für Normalverdiener.

shz.de von
erstellt am 04.Jul.2017 | 19:59 Uhr

Vier Richtfeste in zehn Tagen – Oberbürgermeister Ulf Kämpfer war beim Richtfest des Edur-Parks in der vergangenen Woche sichtlich stolz auf den Wohnungsbau-Boom in Kiel. Aber hat die Wohnungsnot mit den neuen Wohnkomplexen in Hassee, der Wik, der Innenstadt und Ellerbek ein Ende? „Nein“, sagen Jan Dreckmann, Andrea Dallek und Andreas Meier vom Bündnis für bezahlbaren Wohnraum. Im Gegenteil: Die Wohnquartiere sind für Bündnissprecher Dreckmann die gemauerten Zeugen der „desaströsen Wohnungsbaupolitik der Stadt“. Wenn sich dies nicht ändere, könnte der Stadtkern in den kommenden Jahren zu einem Luxus-Viertel werden, während der größte Teil der Kieler in die Außenbereiche der Stadt gedrängt werde, fürchtet er.

Im Herbst 2016 gründete sich das Bündnis für bezahlbaren Wohnraum. Jan Dreckmann: „Wir versuchen, Lobbyismus im besten Sinne für Gruppen zu machen, die sich nicht selbst vertreten können.“ Zu den Unterstützern zählen der Allgemeine Studierendenausschuss (Asta) der Uni Kiel, der Paritätische Wohlfahrtsverband, der Deutsche Gewerkschaftsbund oder Attac Kiel. Das Ziel des Bündnisses: die Kommunalpolitik zum Umdenken zu bewegen. „Ja, es wird gebaut – aber zu wenig und das Falsche“, so Jan Dreckmann.

Denn der geschaffene Wohnraum befindet sich ausschließlich im hochpreisigen Segment. Damit haben Menschen mit niedrigem bis mittleren Einkommen wie Studenten, Singles oder Alleinerziehende kaum Aussicht auf Erfolg bei der Wohnungssuche. „Ganz zu schweigen von Flüchtlingen, Obdachlosen oder auch Ex-Häftlingen, die gar keine Chance mehr haben“, sagt Andrea Dallek, „weil sie in Konkurrenz treten mit Menschen, die mehr verdienen“. So seien nicht nur Obdachlosenunterkünfte heillos überfüllt, erzählt die Mitarbeiterin des Paritätischen, auch Frauenhäuser seien von einem Rückstau infolge der Wohnungsnot betroffen: „Die Frauen sind nicht mehr schutzbedürftig, aber man kann sie auch nicht in die Obdachlosigkeit entlassen.“

Nur noch zwei Prozent des seit dem Jahr 2000 gebauten Wohnraums in Kiel sind für Menschen mit Durchschnittseinkommen finanzierbar, erklärt Andreas Meyer. Und die neuen Wohnanlagen für Besserverdienende sind keine Lösung für das Problem: „Das ist reine Fassade, die Stadt bietet hier Placebos an.“ Bis zum Jahr 2025 soll die Landeshauptstadt nach dem aktuellen Sozialbericht um 16  000 Einwohner anwachsen, diese benötigen demnach zusätzliche 8000 Wohnungen. Eine Milchmädchenrechnung für Meyer, denn: „Bei durchschnittlich 230 neuen Wohnungen pro Jahr kommt der Wohnungsbau gar nicht hinterher.“

Die Verantwortung sieht Andreas Meyer bei der Stadt: Sie müsse günstige Bauplätze schaffen, etwa auf dem Flugplatz Holtenau, oder private Investoren zu einer Durchmischung – mit 30 Prozent sozialem Wohnungsbau etwa – verpflichten. Auch eine kommunale Wohnungsbaugesellschaft sei als Steuerungsinstrument denkbar, befindet Meyer: „Wer über 10 oder 15 Prozent auf dem Wohnungsmarkt verfügt, hat auch die Möglichkeit, den allgemeinen Mietpreis zu bremsen.“ Mit dem „Verscherbeln“ der staatlichen Wohneinheiten habe Kiel „damals den Mietmarkt dem freien Markt überlassen“, urteilt Meyer.

Das Bündnis für bezahlbaren Wohnraum wird beim morgigen Richtfest im Schlossquartier mit einer Kundgebung auf das Kieler Wohnraumproblem aufmerksam machen. „Wir wollen keine Neiddebatte entfachen“, warnt Dreckmann. „Aber wir wollen es zum politischen Thema machen.“ Andrea Dallek ergänzt: „Kiel soll bunt bleiben, keiner soll verdrängt werden.“

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