zur Navigation springen

Kiel : Wohnen in der Stadt – ein Luxus-Problem

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Viele neue Wohnungsbauprojekte in der Landeshauptstadt sind Eigentumsobjekte - können sich in Zukunft nur noch Besserverdiener ein Domizil in der Innenstadt leisten? Wir haben eine Familie bei der schwierigen Wohnungssuche in Kiel begleitet.

In Kiel wird gebaut. Neuer Wohnraum entsteht an vielen Ecken der Innenstadt. Das ist im Sinne der Stadt und auch des neuen Oberbürgermeisters Ulf Kämpfer, der dies als eines seiner Hauptziele bezeichnet – und noch mehr Wohnungen in noch kürzerer Zeit fordert, weil Kiel wächst. Aktuelle oder geplante Neubau-Projekte entpuppen sich allerdings oft als Komfort-Anlagen mit hohem Anteil an exklusiven Eigentums-Domizilen. Ob Wohnungen im Wasserturm, im Bäckergang, in der Schauenburger Straße, im Schlossquartier, in Düsternbrook oder in der Altstadt: Dort kann in vielen Fällen nur einziehen, wer eine prall gefüllte Geldbörse hat. Preise ab elf Euro pro Quadratmeter und aufwärts sind nicht ungewöhnlich. Ist es also mehr als ein subjektiver Eindruck, dass das Wohnen in der Kieler Innenstadt zum Luxus-Problem wird – und Durchschnittsverdiener an den Rand gedrängt werden?

Stephanie Hagedorn (39) ist Mutter von drei Kindern (6/10/14 Jahre alt). Sie und ihre Familie, zu der auch Mann Thies (42) und ein Hund gehören, suchen seit Jahresbeginn eine große Wohnung an der Förde – ein schwieriges Projekt. Die Familie lebt zurzeit noch in Brügge bei Bordesholm im selbst gebauten Einfamilienhaus. „Wir haben aber festgestellt, dass es uns auf dem Land nicht so gut gefällt; wir wollen zurück in die Stadt“, sagt Thies Hagedorn, der in Kiel arbeitet. Damit liegt die Familie voll im Trend. Es zieht die Leute zurück in die Zentren, in denen es neben guter Infrastruktur viele Freizeitangebote gibt. Nur – wo die Nachfrage wächst, da steigt auch der Preis. Besonders dort, wo alle wohnen wollen. Zum Beispiel am Blücherplatz.

Ortstermin mit einer Kieler Maklerin in der Scharnhorststraße. 120 Quadratmeter, vier Zimmer, Maisonette. Schön ist sie, die Wohnung, aber dann doch vermutlich zu eng für die fünfköpfige Familie. Überhaupt: Große Wohnungen seien in den begehrten Stadtvierteln Mangelware, klagt Stephanie Hagedorn. Die Maklerin bestätigt das. In den 80er Jahren seien in der Innenstadt viele Wohnungen auf Singles zugeschnitten worden, mit zwei bis drei Zimmern.

Frustriert hat Stephanie Hagedorn auf der Internetseite von Ulf Kämpfer über ihre akute Not geklagt: „Aus aktuellem Anlass (...) weiß ich wie verheerend der Wohnungsmarkt sich zum Schlechteren entwickelt! Berlin und Hamburg geben es vor und die anderen Städte ziehen nach – auch Kiel! Das darf nicht sein!!!“ – so beschwerte sich die Diplom-Sozialpädagogin, die in Rendsburg arbeitet. Es würden sichtbar fast nur noch Luxuswohnungen gebaut, „die eine Familie mit durchschnittlichem Einkommen nie bezahlen kann (...)!“ Dabei haben die Hagedorns sich ein finanzielles Limit gesetzt, das im gehobenen Niveau anzusiedeln ist: 1800 Euro warm. Eine Fünf-Zimmer-Wohnung mit 150 Quadratmetern in bester Lage am Schrevenpark würde es dafür geben –„bei dem Preis haben wir aber schon Bauchschmerzen“, sagt die 39-Jährige. Sie fände es traurig, „wenn in Zukunft nur noch eine besserverdienende Elite in der Innenstadt wohnen kann – und die anderen am Stadtrand“.

Die Wohnungsnot einer großen Familie ist allerdings kein Beleg für eine grundsätzliche Wohnungsnot in Kiel. Noch sei der Markt relativ entspannt und nicht mit Orten wie München oder Hamburg vergleichbar, sagt Bürgermeister und Bau-Dezernent Peter Todeskino. Überhaupt findet er: Eine Stadt wie Kiel müsse ein Angebot für gut verdienende Akademiker bereithalten. Dennoch sieht auch er Handlungsbedarf, um bezahlbares Wohnen in Zukunft zu gewährleisten – „Flächen und Wohnungen werden knapper – da müssen wir eine Antwort finden“, sagt er. Und verweist auf Projekte im Stadtzentrum, an denen auch Sozialer Wohnungsbau ermöglicht werden soll, etwa auf dem Gelände der alten Muthesius Kunsthochschule nahe des Lorentzendamms. Das Gelände allerdings gehört noch dem Land.

Zudem greift nach Auskunft der Investitionsbank Schleswig-Holstein (IBSH) die vor einem Jahr aufgelegte „Offensive für bezahlbaren Wohnraum“ – und das auch in Kiel. Mit dem Förderprogramm wollen Innenministerium, die Verbände der Wohnungswirtschaft und der Mieterbund für mehr günstige Wohnungen sorgen. Kiel ist eine der Förder-Regionen und zählt zu Gebieten, in denen die Mietsteigerungen, Miethöhen und Unterschiede zwischen Bestandsmieten und Mieten bei Neuvermietungen deutlich über dem Landesdurchschnitt liegen. Druck entsteht auch dadurch, dass ab Juni die Mietpreis-Bindung für Sozialwohnungen wegfällt. In Kiel sind 40 Prozent der Sozialwohnungen davon betroffen.

Das Programm hält allein für die Landeshauptstadt für zwei Jahre ein Fördervolumen von 35 Millionen Euro bereit, um den Neubau von gut 300 Wohnungen besonders für sozial Schwache zu ermöglichen. Vor wenigen Tagen nun forderte der Innenminister Städte wie Kiel schriftlich auf, Stellung zur geplanten Mietpreisbremse zu nehmen. Eine Haltung dazu fällt der Verwaltung allerdings schwer – muss sie doch die Interessen von Investoren auf der einen Seite und die Interessen von Mietern auf der anderen Seite abwägen. So heißt es offiziell nur wenigsagend: „In dem Schreiben werden einige Kennziffern zur Situation auf dem Kieler Wohnungsmarkt angefordert, die zur Zeit vom zuständigen Amt für Wohnen und Grundsicherung zusammengetragen werden. Erst nachdem dies erfolgt ist, wird anhand der Fakten ein Standpunkt der Landeshauptstadt zur vom Land vorgeschlagenen Mietpreisbremse entwickelt, der auch mit der Politik abgestimmt wird.“

Die Kommunen sollen zudem Bauland und kurzfristige Baurechte zur Verfügung stellen. In Kiel gibt es aktuell 61 Flächen mit 124 Hektar für 3000 Wohnungen in Mehrfamilien-Häusern und 2700 Einfamilienhäuser – letztere können etwa in Meimersdorf entstehen. Doch wann wird gebaut? IBSH-Sprecher Matthias Günther sagt: „Die Offensive hat einen richtigen Schub ausgelöst.“ Früher habe es kaum Förderberatungen gegeben, jetzt seien diese stark gefragt. Nicht nur Wohnungsbauunternehmen, auch Wohnungsbaugenossenschaften, kommunale Unternehmen sowie private Investoren zeigten Interesse. Der Sprecher nennt konkrete Zahlen: „In den kommenden zwölf bis 18 Monaten entstehen im Raum Kiel 363 Wohnungen, davon 72 frei finanziert, 64 im ersten Förderweg und sieben im zweiten Förderweg sowie 220 Studentenwohnungen.“

Am Projekt „Alte Feuerwache“ zeigt sich: Investoren und Stadt setzen auf Misch-Konzepte. So entstehen am Kleinen Kiel neben 68 Eigentumswohnungen und sechs Stadtvillen auch 50 Studentenwohnungen – ein Zugeständnis der Investoren. Das billige Geld, die öffentliche Förderung und Flächen wie das MFG 5-Gelände oder der Anscharpark in der Wik werden zudem immer wieder als Raum für eine gute Mischung von Wohnen und Arbeiten genannt. Todeskino sieht Kiel auf einem guten Weg, auch wenn man noch nicht von der „Zielgeraden“ sprechen könne.

Sicher ist: Die Stadt braucht bezahlbaren Wohnraum. Besonders für Hochschulabsolventen und junge Familien, die sie halten will. Familien wie die Hagedorns. Sie sind – trotz der Probleme – zuversichtlich, ein neues Zuhause in Kiel zu finden. Sie haben noch ein paar Monate Zeit: Im August wollen sie umziehen.

Förderung im Wohnungsbau
Sozialwohnungen, für die man den Wohnberechtigungsschein braucht, sind öffentlich gefördert. Das ist der sogenannte 1. Förderweg. Der 2.Förderweg ist eine Mischung aus frei finanziert und öffentlich gefördert. Wohnungen, die auf dem 2. Förderweg finanziert wurden, sind zwar etwas teurer, aber auch leichter zu bekommen. Die Einkommensgrenzen für das Beziehen dieser Wohnungen sind höher. Frei finanzierte Wohnungen sind Wohnungen ohne Einschränkungen.

zur Startseite

von
erstellt am 10.Mai.2014 | 06:02 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert