Eine besondere WG in Kiel : „Wohnen für Hilfe“ – mit Sushma zog neuer Lebensmut ein

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Gemeinsames Kaffeetrinken: Studentin Swissika Acharya hilft Rita Wetzel nicht nur im Haushalt, sondern auch im Garten.

Gemeinsames Kaffeetrinken: Studentin Swissika Acharya hilft Rita Wetzel nicht nur im Haushalt, sondern auch im Garten.

Seit fast zehn Monaten teilt sich Witwe Rita Wetzel ihr Haus mit der 19-jährigen Studienanwärterin Sushma aus Nepal – eine Win-Win-Situation.

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03. Oktober 2018, 18:01 Uhr

Kiel | Die Raisdorferin Rita Wetzel hat ihren Mann lange zuhause gepflegt. Als er vor zwei Jahren starb, fiel die ehemalige Krankenschwester in ein Loch. Sie erlitt einen Schlaganfall, war traurig und kaum noch draußen unterwegs. Und das, obwohl ihr das Haus eigentlich alleine viel zu groß war. Eine Zeitungsannounce über das Programm „Wohnen für Hilfe“ vom Studentenwerk Kiel kam zum richtigen Zeitpunkt. Ältere Menschen bieten Studenten Wohnraum an und erhalten kleine Hilfen im Alltag und vor allem Gesellschaft.

„Genau das Richtige für mich. Ich bin eigentlich eine sehr geselliger Mensch“, sagt die 85-Jährige. Seit dem Schlaganfall habe sie Probleme mit der Feinmotorik. „Etwas Hilfe im Haushalt und im Garten konnte ich also auch gut gebrauchen.“ Rita Wetzel meldete sich an. Dann ging alles ganz schnell: Ende Dezember 2017 traf sie die Nepalesin Swissika Acharya zum ersten Mal. Schon am 15. Januar zog die junge Frau bei ihr ein – und mit ihr auch neuer Lebensmut.

Die Studentin aus Nepal hat sich ihr Zimmer in der WG eingerichtet.
Dana Ruhnke

Die Studentin aus Nepal hat sich ihr Zimmer in der WG eingerichtet.

„Ich gehe wieder mehr raus, ins Theater oder zu Freundinnen. Manchmal kommt Sushma da sogar mit. Sie versteht sich gut mit meinen Bekannten und ist sehr aufmerksam“, freut sich Rita Wetzel. Sushma – so nennte sie die 19-Jährige. Weil es einfacher auszusprechen sei. „Das ist auch in der Familie mein Spitzname“, erklärt die Nepalesin. „Es heißt die Jüngste oder auch die Kleinste.“ Im August kam Sushma nach Kiel. Zuerst ist sie bei ihrem Bruder untergekommen, der bereits seit fünf Jahren hier studiert. Kurz darauf begann sie ein Studienkolleg an der Fachhochschule als Vorbereitung für ein Wirtschaftstudium.

Zwischen den ungleichen WG-Partnern passte es sofort. Auch Sprachbarrieren gab es keine. Sushma hatte in Nepal einen Deutschkurs gemacht. Regelmäßig kocht die 19-Jährige seitdem für die beiden, sie hilft im Haushalt, beim Einkaufen oder beim Rasenmähen. „Manchmal muss ich sie regelrecht stoppen“, erzählt die Rentnerin lachend. „Ich will ja auch noch was machen.“ Die Studienanwärterin wohnt dafür mietfrei in Raisdorf, muss sich nur an den Nebenkosten beteiligen. Eine Win-Win-Situation. 

Eine Bereicherung sei die Wohngemeinschaft auch aus kultureller Sicht, betont Rita Wetzel, die mittlerweile schon so einiges über hinduistische Traditionen gelernt hat. Und sie wird auch voll eingespannt. Bei traditionellen Feiern ist sie eingeladen oder sie richtet sie selbst in ihrem Haus aus. Von Sushmas kleiner Nichte schwärmt sie, als wäre es ihr eigenes Enkelkind. „Es freut mich, Rita zu helfen und ihr Freude zu bereiten“, sagt ihre Mitbewohnerin.

Raksha Bandhan in Raisdorf: Rita Wetzel erhält von Sushma einen Segenspunkt auf der Stirn. Dieser Tag wird im Hinduismus als Fest geschwisterlicher Verbindung gefeiert. Frauen schenken ihrem Bruder ein rituell gesegnetes Band. Die beiden Mitbewohnerinnen hatten deshalb zuvor gemeinsam einen Flohmarkt nach einem passenden Armschmuck abgesucht.
Privat

Raksha Bandhan in Raisdorf: Rita Wetzel erhält von Sushma einen Segenspunkt auf der Stirn. Dieser Tag wird im Hinduismus als Fest geschwisterlicher Verbindung gefeiert. Frauen schenken ihrem Bruder ein rituell gesegnetes Band. Die beiden Mitbewohnerinnen hatten deshalb zuvor gemeinsam einen Flohmarkt nach einem passenden Armschmuck abgesucht.

Ein bisschen traurig wird die Raisdorferin allerdings bei dem Gedanken, dass sich die WG bald auflösen könnte. Sushmas Kolleg geht im November zu Ende. Danach möchte sie ein Bachelorstudium beginnen – ihr Studienfach aber wird in Kiel nur für das Wintersemester angeboten. „Ich müsste ein Dreivierteljahr warten. Das ist sehr schwierig“, erklärt die Nepalesin. Sie werde sich deshalb erstmal an anderen Orten bewerben.

„Wir warten mal ab“, so Rita Wetzel. Sollte es so kommen, würde sie die beiden Zimmer auf jeden Fall wieder einem Studenten zur Verfügung stellen. „Ich hatte wirklich besonderes Glück mit Sushma, aber ich kann das Projekt nur jedem empfehlen.“ Ihre Tochter wohne zwar in Kiel und besuche sie oft. Das Zusammenleben in der WG möchte sie dennoch nicht missen. „Jeden Abend schaut Sushma noch einmal bei mir rein, sagt 'gute Nacht. Schlaf schön.' Es ist jemand da. Das ist einfach schön.“

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