Hilfe für Flüchtlinge : „Wir sind das Gegenteil von Pegida“

Hochrangiger Besuch: Leo Sunderwiek (5. von links), Pfarrer bei St. Nikolaus, begrüßte den Diözesan-Administrator Ansgar Thim (4. v. l.), der mit Betgroffenen und Helfern über die Flüchtlingsarbeit diskutierte.
Foto:
Hochrangiger Besuch: Leo Sunderwiek (5. von links), Pfarrer bei St. Nikolaus, begrüßte den Diözesan-Administrator Ansgar Thim (4. v. l.), der mit Betgroffenen und Helfern über die Flüchtlingsarbeit diskutierte.

Mit 500 000 Euro stattet das Erzbistum Hamburg die Flüchtlingsarbeit im Norden aus. Diözesan-Administrator Ansgar Thim sprach gestern in der Kieler Gemeinde St. Nikolaus mit Betroffenen und ehrenamtlichen Helfern. Er wollte wissen, wo in der tagtäglichen Arbeit der Schuh drückt.

shz.de von
05. Januar 2015, 12:43 Uhr

Die Unterscheidung, wie sie die Politiker gerne vornehmen, hat für Katholiken überhaupt keine Bedeutung. „Ob politischer Flüchtling oder arbeitssuchender Migrant – die Fremden stehen unter einem besonderen Schutzgebot Gottes“, heißt es gleich im ersten Satz der druckfrischen Broschüre, mit der das Erzbistum Hamburg die Flüchtlingsarbeit begleitet. Für das Projekt „Gemeinschaft mit Flüchtlingen“ haben die Katholiken im Norden zum Jahreswechsel die stolze Summe von 500  000 Euro bereitgestellt. Gestern in Kiel ließ sich der Hamburger Gesandte Ansgar Thim in der Gemeinde St. Nikolaus erklären, wo bei der tagtäglichen Arbeit der Schuh drückt.

Ansgar Thim trägt den Titel Diözesan-Administrator. Er ist damit in diesen Monaten – in denen das Erzbistum einen neuen Bischof sucht – der ranghöchste Geistliche im Norden und besitzt bischof-ähnliche Befugnisse. Dass er sich stundenlang Zeit nahm, um mit Betroffenen und ehrenamtlichen Helfern zu reden, spricht für die Bedeutung, die die katholische Kirche der Flüchtlingsarbeit einräumt. „Die Menschen werden nicht nur untergebracht und versorgt, sie werden auch bewusst aufgenommen“, erklärt Thim den Grundsatz und fügt hinzu: „Wir sind das Gegenteil von Pegida.“

Thim zieht damit eine klare Trennlinie zu allen Demonstranten, die sich um die „Islamisierung des Abendlandes“ sorgen. Er verweist stattdessen auf Texte des Alten wie des Neuen Testamentes. Die Achtung der Rechte des Fremden, die Gastfreundschaft und das Gebot der Nächstenliebe gelten ihm als theologisch-moralische Grundlage für die Flüchtlingsarbeit.

Und die Bereitschaft zur konkreten Hilfe ist in der Landeshauptstadt offenbar ungebrochen, wie Thim gestern bei St. Nikolaus am Runden Tisch von vielen Aktiven erfuhr. Ehrenamtler geben etwa kostenlosen Sprachunterricht, betreuen Familien mit kleinen Kindern, verteilen gespendete Kleidungsstücke, organisieren einen Möbel-Fahrdienst, begleiten Flüchtlinge zum Arzt, zu den Behörden oder zum Lehrer ihrer Kinder.

Aus dem Irak, aus dem Libanon und aus Syrien, wo seit Jahren ein erbarmungsloser Bürgerkrieg herrscht, kommen viele Flüchtlinge, die auf Deutschland ihre Hoffnungen setzen. Sie sind häufig traumatisiert, weil sie Gräueltaten in ihrer Heimat ansehen oder sogar erleiden mussten. Die psychologische Betreuung könnte aus dem katholischen Fonds bezahlt werden, schlägt ein Theologie-Student vor, dessen syrische Sprachschüler verstört von entsetzlichen Szenen berichten.

„Für uns ist es hier sehr schön. Vielen Dank für alles“, erklärte in ersten deutschen Worten der ebenfalls aus Syrien geflüchtete Zahnarzt Charbel Al-Sochoum. Er hat mit Ehefrau und Tochter vor wenigen Monaten in Kiel eine neue Heimstatt gefunden. Ein anderer Asylsuchender erinnert sich an die ersten Wochen in der Gemeinschaftsunterkunft. „Die Menschen dort sollten mehr Informationen über Deutschland erhalten“, mahnt der Ingenieur an. So sei es in arabischen Ländern durchaus üblich, ohne Voranmeldung den Arzt aufzusuchen. Beim deutschen Orthopäden aber fragte er vergeblich nach Schuh-Einlagen für seine Tochter. Ohne einen Termin, wurde ihm beschieden, geht gar nichts.
 

zur Startseite

Kommentare

Leserkommentare anzeigen