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MATROSENAUFSTAND : Wiege der modernen Demokratie

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Mit einem groß angelegten Projekt will die Stadt den Kieler Matrosenaufstand würdigen, der im November 1918 zur Abdankung des deutschen Kaisers Wilhelm II. führte. Wenige Tage später war auch der Erste Weltkrieg beendet.

Die Stadt will gewappnet sein. Gewappnet auf den 100. Jahrestag von Kieler Matrosenaufstand, Abdankung des deutschen Kaisers, Kriegsende und Ausrufung der Republik 1918/19. Die historische Fischhalle soll geräumt werden, um Platz zu bieten für eine 18-monatige Ausstellung, die ihresgleichen sucht, zweisprachig gestaltet wird und von hochrangigen Gästen aus dem In- und Ausland eröffnet wird. Die umfassende Dokumentation soll der Öffentlichkeit bewusst machen, was Historiker längst formuliert haben: Die dramatischen Ereignisse im November 1918 machten Kiel zum „Geburtsort der deutschen Demokratie“.

Stadtrat Wolfgang Röttgers hat eine erste Vorlage für den Kulturausschuss erarbeitet, der heute Abend (17 Uhr, Gut Seekamp) darüber beraten wird. Denn das Projekt besitzt einen langen Vorlauf. Die intensiven Arbeiten sollen im Januar 2016 beginnen, neben der aktuellen Forschung geht es um Absprachen etwa mit dem Deutschen Historischen Museum oder dem Militärhistorischen Museum in Dresden über Leihgaben.

Der Anspruch ist hoch. Neue Forschungen sollen einbezogen, die Vorgeschichte, der Verlauf und die Folgen des Matrosenaufstandes „bis in die Gegenwart“ erläutert werden. Dabei betritt Kiel Neuland: „Nie zuvor ist diesem wichtigen Thema eine komplexe, wissenschaftlich fundierte Einzelausstellung oder zusammenfassende Dokumentation gewidmet worden.“ Zur besseren Vermittlung der historischen Inhalte will die Stadt auch „attraktive szenografische Elemente“ entwickeln. Dafür wird ein eigener Ideenwettbewerb ausgeschrieben, danach soll eine Event-Agentur einsteigen.

Nach vorsichtigen Schätzungen wird das Vier-Jahres-Projekt rund 500  000 Euro kosten. Dabei setzt die Stadt auf finanzielle Hilfe des Landes und von Sponsoren. Die Ausstellung soll mindestens 50  000 Besucher anziehen. Erwünschter Nebeneffekt des ehrgeizigen Vorhabens, wie es Röttgers formuliert: „Neben Bildung und Kultur sind entscheidende Effekte für die Stärkung von regionaler Identität sowie für den Tourismus in Kiel zu erwarten.“

Welche Lücken es in der historischen Aufarbeitung des Matrosenaufstandes gibt, hat erst im Frühjahr eine „Korrekturmeldung“ des Kieler Stadtarchivs erwiesen (wir berichteten). Das jahrzehntelang dem Kieler Matrosenaufstand zugeordnete Foto stammt in Wahrheit aus Berlin und wurde erst 14 Tage später aufgenommen. Von den Anfängen der Befehlsverweigerung auf den deutschen Kriegsschiffen und dem Aufstand in den ersten Novembertagegen gibt es dagegen keine einzige belegte Aufnahme. Erst bei den öffentlichen Versammlungen etwa auf dem Exerzierplatz oder bei den Reden des SPD-Gesandten Gustav Noske waren dann vereinzelte Fotografen im Einsatz. Es ist deshalb nicht völlig ausgeschlossen, dass die Historiker bei der Vorbereitung auf unbekannte Dokumente stoßen und diese Lücke schließen. Wie hatte es Chef-Archivar Johannes Rosenplänter noch erklärt: „Was wir heute tatsächlich vom Aufstand 1918 besitzen, passt in einen Schuhkarton.“
 

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erstellt am 14.Sep.2015 | 20:38 Uhr

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