Nischen-Trend Hausboote : Wie eine Kieler Werft auf den Traum vom Wohnen auf dem Wasser setzt

Udo Hafner, Geschäftsführer des Hamburger Konstrukteurbüros iYacht GmbH, und Kay Dürschke, von der Yacht- und Bootswerft Rathje in Kiel-Friedrichsort, halten das Modell eines Luxus-Hausboots im Hafen der Werft in den Händen. Die Neuentwicklung darf nicht nur auf Binnengewässern und Kanälen fahren, sondern auch auf küstennahen Gewässern.

Udo Hafner, Geschäftsführer des Hamburger Konstrukteurbüros iYacht GmbH, und Kay Dürschke, von der Yacht- und Bootswerft Rathje in Kiel-Friedrichsort, halten das Modell eines Luxus-Hausboots im Hafen der Werft in den Händen.

Eigenheim, Wohnung oder luxuriöses Hausboot? Die kleine Rathje Werft aus Kiel startet im Herbst die Hausboot-Produktion.

shz.de von
10. August 2018, 06:38 Uhr

Kiel/Hamburg | Zu den alternativen Wohnformen gehört das Hausboot – nicht nur in Amsterdam oder Seattle. Eine kleine Kieler Traditionswerft auf der Suche nach neuen Geschäftsfeldern startet mit dem Bau von Luxus-Hausbooten. „Wir werden spätestens im Herbst mit ersten beginnen“, sagt Projektleiter Kay Dürschke von der Yacht- und Bootswerft Rathje in Kiel-Friedrichsort. Gemeinsam mit Udo A. Hafner, Geschäftsführer des Hamburger Konstrukteurbüros iYacht, hält er ein selbst entwickeltes Modell stolz in den Händen. Etwa 30 Interessenten aus dem In- und Ausland, auch aus der Schweiz und sogar aus Dubai, haben bereits angefragt.

Grundriss des geplanten Hausbootes.
dpa

Der Grundriss des geplanten Hausbootes.

 

„In Deutschland gibt es etwa 15 bis 20 Hersteller von Hausbooten mit einer Jahres-Gesamtproduktion von insgesamt vielleicht etwa 50 Booten“, schätzt Torsten Moench, Chefredakteur des Magazins „Boote“.

Exakte Zahlen hat auch der Deutsche Boots- und Schiffbauer-Verband (DBSV) in Hamburg nicht. Es handele sich meist um kleine Anbieter, die die Komplexität eines Hausboot-Baus und die zu beachtenden Normen unterschätzten und schnell wieder vom Markt verschwänden, sagt Claus-Ehlert Meyer vom DBSV. Hafner sei aber einer der führenden Hausboot-Konstrukteure in Deutschland und die fast 100 Jahre bestehende Rathje-Werft habe das Know-how für den Bootbau.

„Unsere Philosophie ist eindeutig: Das Hausboot muss ganzjährig bewohnbar sein und jeden Wohnkomfort bieten“, sagt Hafner. „Und jedem muss zunächst der Unterschied klar sein, ob es sich um ein fahrfähiges Hausboot handelt oder quasi um ein 'schwimmendes Haus'.“ Die Neuentwicklung darf nicht nur auf Binnengewässern und Kanälen fahren, sondern auch auf küstennahen Gewässern. „Bis zu zwei Meter hohe Wellen und Windstärke sechs kann das Boot ab, wie es die CE-Entwurfkategorie C verlangt“, erklärt Hafner.

Angetrieben wird es von zwei 55-KW-Elektromotoren. Antriebseinheit, Akku und Motoren werden normalerweise außerhalb des Wassers gelagert, können aber in wenigen Minuten auf Wunsch des Eigners von der Werft eingehängt werden. Das 18,92 Meter lange und 6,52 Meter breite Hausboot verfügt über eigene Solarzellen, die aber für einen Dauerfahrbetrieb die Batterien nicht allein voll aufladen können. „Theoretisch können Sie mit Pausen von Kiel nach Fehmarn fahren, die Reichweite der Batterien beträgt bis zu 40 Seemeilen – abhängig von Wind und Seegang“, sagt Hafner.

Das Hausboot soll dank Solartechnik auch autark sein.
dpa
Die Neuentwicklung darf nicht nur auf Binnengewässern und Kanälen fahren, sondern auch auf küstennahen Gewässern.

„Aber das Hausboot ist natürlich mehr eine Wohn- und Lebensform als eine Yacht.“ Und so bietet das Boot 90 Quadratmeter Wohnfläche: Zwei Schlafzimmer, Wohnzimmer, Bad mit Dusche und WC, Einbauküche, je eine Terrasse im Erd- und Obergeschoss von 17 und 78 Quadratmetern. Das Boot hat 0,90 Meter Tiefgang, die Durchfahrtshöhe beträgt 4,50 Meter. 2000 Liter Frischwasser sind an Bord, „das reicht nicht nur fürs Duschen“, lacht der Ingenieur.

Schwimmende Häuser sind ein Zukunftsmodell

Was spricht fürs Wohnen auf dem Wasser? „Es ist zunächst einmal eine Reduktion auf das Wesentliche“, sagt Hafner. „Und die direkte Nähe zum Wasser.“ Urlaubsfahrten seien möglich oder ein Umzug in eine andere Gegend. Seit zehn Jahren widmet sich der Konstrukteur dem Thema Hausboot. Er ist auch Mitinitiator der Hausboot-Konferenz, die am 25. Oktober mit etwa 100 Fachleuten wieder in Hamburg stattfindet – natürlich auf einem Hausboot. Zu den Referenten gehört Juliane Behnert vom Hamburger Architekturbüro tun-architektur. Mit ihrer Masterarbeit gewann die gebürtige Eckernförderin 2017 einen Innovationspreis: Sie entwarf ein mehrgeschossiges Hausboot für mehrere Generationen in Modularbauweise samt Innenhof und Fahrstuhl.

Für eine Stadt wie Hamburg hält sie diesen Entwurf für zukunftsfähig. „Das Wohnen auf dem Wasser wird seit Jahrhunderten, aus den unterschiedlichsten Beweggründen, realisiert“, betont Behnert. „Für die Einen ist es der Abenteuergedanke, für Andere die Nähe zur Natur und wieder Andere nutzen schwimmende Architektur als Prestigeobjekt. Auch der Klimawandel und steigende Meeresspiegel machen schwimmende Architektur zu einem interessanten Zukunftsmodell.“ Besonders in Metropolen, wo Wohnraum oft Luxus sei, gebe es viele Entwürfe zum Wohnen auf dem Wasser. Noch stünden aber der Mangel an Liegeplätzen und teils umfangreiche Auflagen diesem Konzept im Weg.

Gesetzliche Regelungen fehlen

Einen Bauboom oder Massenwohnungsbau auf dem Wasser erwartet Behnert nicht und hält dies auch aus städtebaulichen und ökologischen Gründen nicht für erstrebenswert. „Hinsichtlich schwimmender Architektur halte ich gesonderte Regelwerke und den Bezug zum Städtebau für notwendig“, betont die Expertin. „Die Uferzonen und Naherholungsgebiete sind natürlich für jede Stadt wichtig und sollten auch der breiten Masse zur Verfügung gestellt werden.“

Maximal 800 „schwimmende Häuser“ gibt es nach Schätzung von Prof. Heiner Haass in Deutschland. Das Potenzial dürfte vier- bis fünfmal so groß sein, schätzt der Architekt und Stadtplaner, der am Campus Bernburg der Hochschule Anhalt (Sachsen-Anhalt) lehrt. „Der Pfropf ist die Verwaltung, es fehlen gesetzliche Regelungen.“ Es gebe keine klare Grundlage, auf der die Bauverwaltungen Genehmigungen erteilen könnten. Dagegen seien die Bedingungen für fahrende Hausboote etwa in der Sportbootverordnung geregelt.

Rathje Werft will sich neu erfinden

Er sehe für Hausboote einen leichten Trend. „Das wird zunehmen, denn es ist sehr beliebt, einerseits ein festes Zuhause zu haben, mit dem man aber auch auf Fahrt gehen kann – ähnlich wie mit Wohnmobilen.“ Die Kosten für ein Hausboot sind mit Immobilien vergleichbar. „Sie können kleine Wochenend-Boote ab 50.000 Euro bekommen, nach oben gibt es kaum eine Grenze, das kann in den Millionenbereich gehen“, sagt Hafner. Die Hausboote der Rathje Werft soll es ab 400.000 Euro geben. „Sie sollen ein weiterer Baustein sein, die Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten und zu steigern“, sagt Chefin Edith Vonhoff.

Die Werft mit 24 Mitarbeitern samt Azubis ist in dritter Generation im Familienbesitz. Früher dominierte der Yachtbau in Holz, später Reparaturen und Ausbauten. Einiges brach weg, besonders bei gewerblich genutzten Booten und Behördenfahrzeugen.

Mit den Hausbooten will sich die Werft ein Stück neu erfinden. „Wir wollen pro Jahr drei Boote bauen“, sagt Projektleiter Dürschke. Im eigenen Sportboothafen wurde die Zahl der Liegeplätze von 46 auf 101 erhöht. Gerade werden die ersten zwei Liegeplätze für Hausboote ausgebaut. Jeder bekommt einen Geräteschuppen und einen Parkplatz, Strom- und Wasseranschlüsse. „Das Hauptproblem für Hausboote in Deutschland ist ein guter Liegeplatz“, sagt Dürschke. Die Werft biete daher ganzjährig wie eine Marina Liegeplätze „mit Rundumservice“ samt Meldeadresse an. Mit dem Wohnen am Wasser werde auch der überalterte Wassersport in Deutschland neue Freunde finden, ist Hafner überzeugt.

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