zur Navigation springen

Unterhaltsvorschuss : Wenn Väter nicht zahlen können

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Neuregelung zur Unterhaltszahlung greift zum 1. Juli. Sie zwingt der Stadt horrende Verwaltungsarbeit auf, bringt Betroffenen aber nur selten mehr Geld. Im Gegenteil: Hartz-IV-Empfänger haben doppelt so viele Laufereien vor sich, aber keinen Cent mehr im Portemonnaie.

shz.de von
erstellt am 12.Jun.2017 | 19:16 Uhr

Stadträtin Renate Treutel und ihre Abteilungsleiterin Eva Jordan sprechen von einer ärgerlichen Regelung, von einer „Verwaltungsblase“ und sogar von „halbem Murks“. Denn die Neuregelung in Sachen Unterhaltszahlungen beschert den Mitarbeitern im Rathaus jede Menge Mehrarbeit und den Betroffenen eine Menge Lauferei, aber meist keinen einzigen Cent mehr im Portemonnaie. Denn der große Anteil (87 Prozent) der Alleinerziehenden, die gegenwärtig in Kiel einen Unterhaltsvorschuss erhalten, sind Hartz-IV-Empfänger. Sie profitieren kaum bis gar nicht von der neuen Gesetzeslage, die zum 1. Juli greift.

Worum genau geht es? Wenn sich Eltern trennen, haben die Alleinerziehenden – in den allermeisten Fällen bekanntlich die Mütter – einen Anspruch auf finanzielle Unterstützung, die dann der Vater für den Nachwuchs leisten muss. Leisten müsste. Denn oft können (oder wollen) Väter den Unterhalt nicht zahlen. In diesen Fällen springt das Jugendamt ein. Es behält sich aber vor, die geleisteten Vorschüsse von den Vätern zurückzufordern.

Bislang war die Verpflichtung zu Unterhaltszahlungen auf einen Zeitraum von sechs Jahren begrenzt. Und sie lief automatisch aus, sobald das Kind zwölf Jahre alt wurde. Beide Regelungen wurden gestrichen: Künftig ist Unterhalt grundsätzlich fällig, bis der Nachwuchs volljährig ist. Unter Umständen 18 volle Jahre lang.

Bislang erhalten stadtweit 2125 Alleinerziehende Unterhaltsvorschuss, in zwei Wochen dürfte die Zahl auf das Doppelte steigen. Vorsorglich hat das Amt für Rechtliche und Wirtschaftliche Jugendhilfe vier neue Planstellen geschaffen, um die Flut der erwarteten Anträge zu bewältigen. Inclusive Büromiete und Sachkosten kalkuliert die Stadt mit Zusatzausgaben in einer Größenordnung von 300  000 Euro.

Das Ärgerliche daran ist, dass die Bearbeitung der Anträge sowieso im Jobcenter erfolgt. Gegenwärtig beträgt der Unterhaltszuschuss für ein Kind bis fünf Jahren 150 Euro, für Sechs- bis Elfjährige sind 201 Euro. Für Jugendliche zwischen zwölf und 17 Jahren werden künftig 268 Euro veranschlagt. Genau diese Summen gehen auch in die Hartz-IV-Berechnung ein. Dennoch müssen die Betroffenen künftig auch im Jugendamt vorsprechen. Renate Treutel tut es leid, dass die Mütter „vielleicht mit einem kleinen Kind auf dem Arm“ zwei verschiedene Dienststellen anlaufen müssen. Da ist dem Gesetzgeber in Berlin, so die Vermutung in Kiel, schlichtweg eine Panne unterlaufen, im „Bund-Länder-Kuddelmuddel“ habe man die praktische Ausführung vergessen.

Als vorteilhaft erweist sich die neue Regelung einzig für jene 13 Prozent der Alleinerziehenden, die Einkommen über Hartz-IV-Niveau besitzen. Eine Mutter, die mit ihren beiden Kindern (9    und 13) seit vielen Jahren von ihrem Ex-Mann getrennt lebt, kann mit einem Plus von 469 Euro in der monatlichen Haushaltskasse rechnen. Renate Treutel und Eva Jordan sind sich einig: „Das ist eine tolle Sache. In diesem Punkt funkelt das Gesetz.“  

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen