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Mobbing : Wenn Schüler Mobbing-Opfer werden

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Im Buch „Ich bin ich – wir sind viele “ berichtet Benjamin Fokken (22) von seinen eigenen schmerzvollen Erfahrungen als Mobbing-Opfer. Gestern las er Fünftklässlern der Gemeinschaftsschule Hassee daraus vor.

Sollte Benjamin Fokken seiner Jugend eine Farbe zuordnen, dann wäre sie schwarz. Das sagt der 22-Jährige heute, wenn er zurückblickt auf eine Schulzeit, die Demütigung und Schmerz prägten. Denn Benjamin war Mobbing-Opfer. Seine Geschichte hat der junge Mann mit der hellblonden Haartolle in dem Buch „Ich bin ich – und wir sind viele“ zusammengefasst. Aus diesem las er gestern vor den fünften Klassen der Gemeinschaftsschule Hassee.

Seinen Anfang nahm das dunkelste Kapitel in Benjamin Fokkens Leben 1997, als er zwei Jahre alt war und sein einjähriger Bruder Pascal bei einem Wohnungsbrand ums Leben kam. Warum Benjamin Fokken das den gebannt zuhörenden Schülern erzählt? „Weil die dunkelste Episode meiner Familiengeschichte mich Jahre später heimsuchte.“ Denn in der fünften Klasse traf Benjamin auf den gleichaltrigen Schüler Lars, der von der Familientragödie wusste. „Eines Vormittags lief ich auf dem Schulhof an Lars vorbei“, liest Benjamin aus dem Kapitel „Die Demütigung, die ich Alltag nannte“ vor. „Er grinste mich schäbig an und fauchte mir hinterher: ,Gieß doch Benzin über das Grab deines Bruders, dann verbrennt er noch einmal!‘“ Neben „Hamsterfresse“ und „Schwuchtel“ hatte Lars immer neue Beleidigungen für Benjamin parat. Und so wurde jeder Schultag zum Spießrutenlauf für den 13-Jährigen. Seinen Lehrern wollte sich Benjamin nicht anvertrauen, und auch seinen Eltern verschwieg er die Wahrheit. „Ich habe mich geschämt“, sagt er.

2015 verarbeitet Benjamin Fokken das Erlebte in einem selbst gedrehten Youtube-Video. In dem 104 Sekunden dauernden Film hält der damals 20-Jährige verschiedene Botschaften auf Zetteln in die Kamera, darunter „Niemand ist weniger wert, nur weil er eine Behinderung hat, vielleicht nicht viel Geld hat,
vielleicht nicht so klug ist, schwul, lesbisch oder bi ist oder eine andere Herkunft hat.“ Das Video erreicht binnen Kurzem mehr als fünf Millionen Menschen. Es interessieren sich auch Medienvertreter für Benjamin Fokken und seine Geschichte – so auch Journalist Dennis Betzholz, der Benjamins schmerzvolle Erfahrungen schließlich niederschreibt.

Auch den Schülern ist das Thema Mobbing nicht fremd: Vor einem Jahr ist Alex ins Visier eines Mitschülers gerückt. „Er hat mich beleidigt, angedroht, mich zu verprügeln, und überall meine Telefonnummer veröffentlicht“, sagt Alex. Warum er gemobbt wurde, weiß der Zwölfjährige nicht. „Ich habe mir die Schuld gegeben“, sagt Alex. Irgendwann, erzählt er, habe der Mobber dann das Interesse an ihm verloren. Dave und Hanna waren nicht selbst betroffen, kennen aber Mobbing-Opfer in ihrem Umfeld. „Meine Schwester“, erinnert sich Dave, „wurde von einem Mitschüler regelmäßig beleidigt, weil sie ein bisschen pummelig ist.“ Und auch in Hannas Klasse wurden zwei Mitschüler gemobbt, „weil der eine sehr sensibel war und der andere sehr ruhig.“

Die positiven Reaktionen auf sein Video und sein Buch haben Benjamin Fokken neuen Mut gegeben. Negative und beleidigende Kommentare nimmt er sich heute nicht mehr so sehr zu Herzen. Für seine jungen Zuhörer hat der Ostfriese einen Rat: „Ganz wichtig ist es, darüber zu reden, mit Freunden, Eltern oder Lehrern. Und engagiert euch in AG’s. Dort sind Menschen, die dasselbe machen und mögen wie ihr. Ihr seid nicht allein.“

Gemeinsam mit dem Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen Schleswig-Holstein (IQSH) und dem Landesministerium für Schule und Berufsbildung stellt die Techniker-Krankenkasse Schleswig-Holstein insgesamt 1500 Bücher für Schulen im Land im Kampf gegen Mobbing bereit. Denn: Einer von 25 Schülern wird in Deutschland regelmäßig Opfer von Mobbing-Attacken. 70 Prozent aller Mobbing-Fälle finden am Arbeitsplatz beziehungsweise an der Schule statt.

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erstellt am 03.Apr.2017 | 18:26 Uhr

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