Wenn Frauen ihr Schweigen brechen

Heute ist der Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen / Mehr als 3000 Frauen aus Kiel, Neumünster und Ostholstein suchten 2013 Hilfe

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25. November 2013, 00:33 Uhr

Morgen ist es genau 24 Jahre her. „Meine Mutter sagte: ‚Feier schön‘ und ‚sei ja lieb, sonst gibts Ärger.‘ Dann ließ sie mich allein mit meinen beiden Onkeln. Wir spielten Mensch-Ärger-Dich-nicht und immer, wenn ich rausflog, musste ich ein Kleidungsstück ausziehen. Als ich nur noch mein Höschen anhatte, wollten sie Blindekuh spielen,verbanden mir die Augen. Ich spürte Hände, überall Hände und fing an zu weinen. Ich wollte mir die Augenbinde abreißen, es ging nicht. Da sagte mein Onkel: ‚Nicht weinen, ich nehm’ dich auf meinen Schoß.‘ Als ich endlich etwas sehen konnte, stand meine Mutter plötzlich vor mir, ich sei Abfall, sie habe mir doch gesagt, ich soll lieb sein. Anschließend fotografierte mich mein Onkel noch nackt und lachte dabei. Meine Qual begann an meinem sechsten Geburtstag und ging mehrere Jahre.“ Morgen ist es 24 Jahre her.

Die junge Frau schrieb diese Zeilen einen Tag vor ihrem 30. Geburtstag. Heute muss sie nur ein Mensch-Ärger-Dich-nicht-Spiel sehen und schon beherschen sie die Bilder und Ängste aus ihrer Kindheit. Für Diplom-Psychologin Imke Deister vom Frauennotruf Kiel ist das keine Seltenheit: „Oftmals haben die Frauen auch gar keine Erinnerung mehr an den eigentlichen Missbrauch oder verpacken sie in eine Blase und schieben sie ganz weit weg.“ Es brauche dann nur ein Schlüsselerlebnis und alles sei wieder da. „Bei Frauen, die sexualisierte Gewalt in ihrer Kindheit erlebt haben, ist das nicht selten die Geburt des eigenen Kindes oder wenn die Tochter in das gleiche Alter kommt, in dem sie selbst zum Opfer wurde“, sagt Deister. Oder eben ein Mensch-Ärger-Dich-nicht-Spiel. Die Frauen reagierten ganz unterschiedlich auf das Herausplatzen ihrer Erinnerung: einige leiden an Ess- oder Konzentrationsstörungen, andere an Panikattacken oder werden plötzlich aggressiv. „Wenn sie das Erlebte einholt, sind sie oft nicht mehr handlungsfähig. Dann geht es uns in erster Linie darum, sie zu stabilisieren“, erzählt Andrea Langmack von der Beratungsstelle in Plön.

Wieder handlungsfähig sein, etwas für sich tun, darum geht es auch im Gottesdienst „Klagen, hoffen, Kraft schöpfen“, der vom Frauennotruf Kiel und dem Frauenwerk Altholstein speziell für die Frauen ist, die Opfer von Gewalt geworden sind. Vor Gott sind alle gleich, heißt es. Das leben auch die Mitarbeiterinnen beider Einrichtungen, die den speziellen Gottesdienst organisiert haben. Frauen vom Fach und solche, die Gewalt erfahren haben, sitzen nebeneinander, nicht gegenüber – sie alle sind die Gemeinde, singen zusammen, hören Gedichte, meditieren, lassen sich salben. Pastorin Elisabeth Christa Markert: „Der Gottesdienst soll der Heilung dienen, ihnen Kraft geben. Hier tun sie etwas für sich.“ Es ist eine kleine Auszeit aus dem Alltag – ohne Männer, dafür sorgt die Küsterin. Manche weinen, wenn von Hoffnung die Rede ist, eine Frau steht auf und geht, sie kann nicht mehr.

Gewalt an Frauen ist immer noch ein Tabuthema. Dabei ist es präsenter den je: Ob in Kiel, Neumünster oder Ostholstein – rund 3000 Frauen suchen insgesamt jährlich Hilfe bei den Beratungsstellen. Auch vor den Türen der Frauenhäuser ist die Schlange lang. „Wir können nur etwa jede zweite Frau aufnehmen, weil wir nicht genug Plätze haben“, sagt Gisla Koglin, Mitarbeiterin im Kieler Frauenhaus. Abgewiesen werde keine Schutzsuchende aber nach einer Nacht oftmals weitervermittelt an eines der anderen 15 Frauenhäuser im Land.

Was ist das Schlimmste, womit die Mitarbeiterinnen bisher konfrontiert worden sind? „Jedes Schicksal ist für sich schlimm. Wenn es auffhört, einen zu berühren, darf man den Job nicht mehr machen“, sagt Imke Deister. Doch sie sei immer wieder überrascht, welche Abgründe in manchen Menschen versteckt sind. Wenn beispielsweise Kinder nur geboren würden, um anschließend missbraucht oder dafür an Nachbarn gegeben zu werden, der Mensch an sich nichts mehr wert sei, mache sie das besonders sprachlos. Deister: „Je organisierter die Gewalt ist, desto grauenvoller und sadistischer ist es oft auch.“ Auch für Diplom-Psychologin Carla Schneider von der Eutiner Beratungsstelle ist so etwas keine Seltenheit: „Solche Fälle begegnen uns oft in Verbindung mit ritueller Gewalt, wenn Kinder in eine Sekte hinein geboren werden.“

Darüber zu sprechen, ist für die Opfer oft jahrzehntelang unmöglich. Immer häufiger suchen über 60- und 70-Jährige Beratungsstellen für Frauen auf. „Es ist eine andere Generation, ihnen fällt es noch schwerer sich zu ‚outen‘“, sagt Schneider. Aber wenn die Kinder aus dem Haus sind, der Mann verstorben, dann setzen sich viele damit nochmal auseinander und suchen nicht selten Hilfe. Auch Frauen, die Opfer von Kriegsverbrechen geworden sind oder mit ansehen mussten, wie ihre Mutter vergewaltigt worden ist, kommen oft erst in so fortgeschrittenem Alter.

Gibt es Muster, die den Psychologinnen immer wieder begegnen? Andrea Langmack: „Ja. Frauen, die mit häuslicher Gewalt groß geworden sind, wiederholen die Opferrolle nicht selten in ihrer eigenen Ehe.“ Ebenso würden Jungen, die es als „normal“ erleben, wie ihr Vater die Mutter schlägt, häufig später selbst zu Tätern.



Veranstaltungen in Kiel: „Gewalt kommt nicht in die Tüte“, heute am internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen verteilen ab 7.30 Uhr verschiedene Facheinrichtungen auf dem Vorplatz des Hauptbahnhofs tausende, von der Bäckerei Steiskal gespendete, Brötchen in Tüten mit dem Aufdruck des bundesweiten Hilfetelefons.

Fachhochschule: Gegen 9:45 Uhr folgt das Team des Gleichstellungsbüros einem weltweiten Aufruf der Frauenrechtsorganisation „Terre des Femmes“ und hisst eine Fahne mit dem Slogan „Frei leben – ohne Gewalt“. Von 10 bis 14 Uhr können sich alle an einem Stand im Foyer des Großen Hörsaalgebäudes über das Thema „Gewalt an Frauen und Mädchen“ und regionale Hilfs- und Beratungseinrichtungen informieren. Von 12 bis 14 Uhr betreuen eine Mitarbeiterin des Frauenhauses Kiel und eine Mitarbeiterin von der Petze Kiel gemeinsam mit dem Gleichstellungsbüro der FH den Stand. FH-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter können außerdem zwischen 9 und 12 Uhr an einem Deeskalationstraining zum Thema „Umgang mit Konfliktsituationen“ teilnehmen.


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