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Flüchtlingskrise : Wenn der Gottesdienst plötzlich auf Farsi ist

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

In Kiel treten iranische und afghanische Asylbewerber in die Nordkirche ein.

shz.de von
erstellt am 27.Dez.2015 | 10:34 Uhr

Kiel | Als der Anruf aus der Flüchtlingsunterkunft in Kiel-Holtenau kam, wusste Pastor Jens Voß erst einmal nicht, was er sagen sollte. Ein muslimischer Mitarbeiter der Unterkunft war am Telefon. „Hier sind Menschen, die sich in der Kirche taufen lassen wollen, hat er gesagt“, erinnert sich Voß. „Geht das bei Ihnen?“

Für den 54-jährigen Theologen, der die Gemeinde Holtenau im Viertel direkt am Nord-Ostsee-Kanal leitet, war das eine völlig neue Situation. Denn natürlich engagiert sich seine Kirchengemeinde in der ehemaligen Kaserne, die mittlerweile als Unterbringung für mehr als 800 Geflüchtete dient. „Aber wir haben immer großen Wert darauf gelegt, unsere Hilfe nie mit irgendeiner Werbung für unseren Glauben zu verknüpfen, und jeden Menschen, unabhängig von seiner Religion zu unterstützen.“

Und nun wollten doch Menschen in die evangelische Kirche eintreten. „Geht das bei Ihnen?“ Jens Voß dachte etwas nach. Hat das vielleicht Folgen für den interreligiösen Dialog in Kiel, wenn er jetzt einfach Muslime tauft? „Die Frage nach der Taufe kann ich als Pastor natürlich trotzdem nicht einfach abweisen“, sagte Voß. Mit einer Kollegin und einem Dolmetscher startete er einen Glaubenskurs für Menschen, die geflüchtet waren. Und war über das Engagement und Interesse der Iraner und Afghanen, die da zu ihm kamen, hochgradig überrascht.

Denn schnell war deutlich: Wer zu ihm kam, hatte mit dem Islam abgeschlossen. Die Flüchtlinge sahen ihre Religion als Teil des Systems, aus dem sie geflüchtet waren. „Als ich ein kleiner Junge war, hat man mir beigebracht, ein Moslem zu sein“, sagt der 25-jährige Kiam aus Teheran. „Es sei gut für mich, sagten sie, denn wenn ich ein Moslem wäre, käme ich ins Paradies.“ Seinen richtigen Namen will Kiam nicht in der Zeitung lesen. Er sorgt sich um seine Angehörigen im Iran – denn dort ist die Konversion zum Christentum verboten. Und sie könnten Nachteile erleiden, erführe man dort von seinem Schritt. „Im Iran ist die Regierung auch für das Paradies zuständig“, sagt Kiam. Doch in Deutschland herrsche Religionsfreiheit. Man müsse nicht zu festgesetzten Zeiten beten, sei in der Kirche Mitglied, wenn man es sein möchte, und gehe in den Gottesdienst, wenn man es mag. Das faszinierte den Iraner am christlichen Glauben. Für ihn bedeutet die Flucht nach Deutschland, frei leben zu können. Und für ihn bedeutet die Konversion zum Christentum, eine Religion in Freiheit praktizieren zu können.

„Dass meine Kollegin und ich mit der Bibel frei und zugleich wertschätzend umgehen können, ist für Menschen, die am Koran kein Komma in Frage stellen durften, eine irritierende Erfahrung“, berichtet Pastor Jens Voß über die Erfahrungen aus dem Glaubenskurs. „Dass ein Pastor und eine Pastorin den Kurs gemeinsam leiteten, dass Frauen und Männer dort zusammen über ihren Glauben sprachen, war für manche anfangs etwas ungewohnt.“ Mittlerweile haben die Menschen aus dem Iran und Afghanistan den Glaubenskurs des Holtenauer Pastors abgeschlossen. Am Erntedankfest haben sie sich taufen lassen.

Doch mittlerweile haben sie alle Zimmer oder Wohnungen in anderen Stadtteilen gefunden, sodass sie die Sammelunterkunft in Holtenau verlassen konnten. Pastor Voß telefonierte deswegen mit seinen Kieler Kollegen. „Am Ende hat sich die Jakobigemeinde in der Innenstadt entschieden, künftig einmal im Monat einen Gottesdienst zu feiern, bei dem die Lesungen aus der Bibel oder die Gebete zum Beispiel auch auf Farsi gesprochen werden. Die Predigt wird vollständig übersetzt.“ Denn die Flüchtlinge, die sich in Kiel taufen ließen, wollen sich weiter in der Kirche und der deutschen Gesellschaft engagieren.

Und ihr Beispiel scheint Schule zu machen: Schon im Januar findet der nächste Glaubenskurs für geflüchtete Menschen in der Kirche in Kiel-Holtenau statt – diesmal für Geflüchtete aus Syrien.

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