zur Navigation springen

Auszeichnung für Erika Skibbe : Wegbegleiterin für Sterbenskranke

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Erika Skibbe (64) wurde gestern vom Ministerpräsidenten für ihr Engagement in der Kieler Hospiz-Initiative ausgezeichnet. Ein Besuch.

Wasser? Oder lieber Tee? Oder Kaffee? Erika Skibbe, das wird gleich zu Beginn des Treffens deutlich, lässt sich sehr auf die Bedürfnisse anderer Menschen ein. Vielleicht hat ihre besondere Aufgabe diese Seite in ihr zum Vorschein gebracht. Vielleicht war es aber auch genau diese Eigenschaft, die Erika Skibbe zur Hospizarbeit geführt hat. Fast unnötig zu erwähnen, dass es viele Teesorten gibt im alten Pastoren-Haus in der Waitz-Straße, in der die Kieler Hospiz-Initiative ihren Sitz hat.

Erika Skibbe lädt in einen sonnendurchfluteten Raum mit Blick auf den winterlichen „Lebensgarten“ hinterm Haus, der an mehreren Stationen mit viel Symbolkraft zu einer Runde einlädt und zum Nachdenken über den eigenen Lebensweg anregen möchte. „Haben Sie schon mal Rooibos-Tee mit Milch und Zucker probiert?“, fragt die Frau mit dem blonden Pagenkopf und diesem intensiven Blick aus blaugrünen, tiefliegenden Augen. „Ich trinke ihn manchmal zum Abschalten.“ Erika Skibbe ist 64 Jahre alt, hat viele Jahre als Verwaltungs-Angestellte im Finanzministerium gearbeitet. Eine nüchterne Arbeit, die so ganz im Gegensatz zu dem steht, was die Kielerin seit 13 Jahren ehrenamtlich macht: Sie begleitet sterbenskranke Menschen und deren Angehörige auf deren letztem Weg. Sie ist 2. Vorsitzende der Hospiz-Initiative und die einzige ehrenamtliche Sterbebegleiterin auf der interdisziplinären Schmerz- und Palliativstation im Kieler Universitätsklinikum. Darüber hinaus ist sie Ansprechpartnerin im Büro des Generationen-Treffs im Stadttteil Wik und engagiert sich auch bei Seniorenmessen. Für ihren besonderen ehrenamtlichen Einsatz erhielt sie gestern von Ministerpräsident Torsten Albig die Ehrennadel des Landes.

Erika Skibbe lächelt. „Als ich das Wappen des Landes auf dem Briefumschlag gesehen habe, da ahnte ich was“, sagt sie. Als sie den Brief las, „da habe ich geweint.“ Sie war gerührt. „Warum ich?“, habe sie sich gefragt. Dann teilte sie die freudige Nachricht mit anderen. Später kamen Zweifel. Sie habe das gar nicht verdient. Rettungssanitäter oder Feuerwehrleute, denen würde die Auszeichnung eher zustehen, dachte Erika Skibbe. Weil die versuchen Leben zu retten? Sie nickt nachdenklich. „Vielleicht auch aus falscher Bescheidenheit.“ Eine Eigenschaft, die viele Ehrenamtler auszeichnet.

Erika Skibbe hatte schon früh überlegt, sich nach dem Berufsleben eine Aufgabe zu suchen. Ihre zwei Kinder sind aus dem Haus, sie lebt allein. Also Politik? „Dafür bin ich zu weichherzig.“ Kirche? Wurde es auch nicht. Als ihre Mutter in ein Pflegeheim kam und schwer erkrankte, begegnete sie zum ersten Mal dem Thema Tod. „Ich habe meine Mutter begleitet, mehrere Nächte lang, bis sie eingeschlafen, gestorben war“, erzählt Erika Skibbe. „Das war für mich gar nicht schlimm, ich empfand es als friedlich.“ Der Sterbensprozess, der Moment des Todes – für die gläubige Christin ein Mysterium, dem sie sich stellen wollte. Irgendwann belegte sie einen Vorbereitungskurs bei der Hospiz-Initiative. „Das war ein Meilenstein in meinem Leben“, sagt die 64-Jährige. Sie habe großes Selbstvertrauen gewonnen. So lernte sie etwas, das sie vorher nicht konnte: „Wie man seinem Gegenüber tief in die Augen blickt. So tief, dass man spürt, was er fühlt und wie es ihm geht.“ Empathie und Zuhören können – wichtig für ihre Arbeit mit sterbenskranken Menschen.

Erika Skibbe machte es sich zur Aufgabe, den Hospizgedanken zu leben, ging deshalb vor zehn Jahren in Altersteilzeit. Im Mai endet ihre Freistellungsphase. IhZeit füllt sie seit 2001 mit Engagement für die Initiative, sie kümmert sich um das Haus, und an mindestens einem Tag in der Woche begleitet sie die Kranken auf der Palliativstation. „Manchmal“, sagt sie, bin ich zwölf Stunden am Tag aktiv, fünf Tage die Woche. Ich komme auch nachts, wenn es ein Notfall ist.“

Eine selbstgewählte Aufgabe, die viel Kraft kosten muss. „Natürlich brennen sich Erinnerungen ein“, sagt Erika Skibbe, „aber die belasten mich nicht“. Wie die Erinnerung an die 38-jährige Mutter dreier Kinder. Das jüngste war erst sechs Monate alt. Die Frau litt an Hautkrebs, konnte nicht gerettet werden. „Sie war eine starke Frau, aber die Kinder waren in ihrem Herzen. Es fiel ihr ganz schwer loszulassen“, erzählt Skibbe. Als der Moment gekommen war, lehnte sie sich an Erika Skibbe an. Auch ihr Mann hielt sie fest, blickte ihr in die Augen. „Sie starb in meinen Armen“ – Erika Skibbe sagt das ganz unsentimental. Sie ist zertifizierte Sterbebegleiterin. Sie versucht das Leid für andere leichter erträglich zu machen. Leid, das sie selbst aushalten kann. Und das sie nicht zu nah an sich selbst heranlässt.

Dafür hat sie eigene Rituale entwickelt. Ein Gebet vorweg etwa. „Ich stelle mir ein Schutzmäntelchen vor“, sagt Erika Skibbe, sie steht auf. „Ich ziehe ein goldenes Mäntelchen an“, sagt sie und macht eine überstreifende Bewegung. „Wenn ich hinterher das Krankenhaus verlasse, stelle ich mich vor die Tür und durchschneide symbolisch ein Band, mache einen Cut.“ Hilft das immer? „Bis jetzt ja“, sagt die Kielerin. „Aber es kommt vor, dass ich mitweine“, ergänzt sie. „Ich darf ja mitfühlen.“

zur Startseite

von
erstellt am 28.Jan.2014 | 08:59 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen