zur Navigation springen

Vergewaltigung in Kiel-Gaarden : Warum war der Kinderschänder auf freiem Fuß?

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Vergewaltigung einer Siebenjährigen in Kiel hat eine bittere Vorgeschichte. Die Wut vieler Eltern ist groß.

shz.de von
erstellt am 04.Feb.2016 | 05:45 Uhr

Kiel | Ein siebenjähriges Mädchen wird in Kiel verschleppt und vergewaltigt. Die Polizei kann den Mann ermitteln, er sitzt in Untersuchungshaft. Die entsetzliche Tat hat jedoch eine Vorgeschichte, die viele Fragen aufwirft.

In Folge mangelhafter Kommunikation stehen Polizei, Politik und Behörden derzeit in der Kritik. Eine fehlende Transparenz verringert das Sicherheitsgefühl.

Mit einer Puppe in der Hand hatte der Tatverdächtige am Sonntag zwei Mädchen auf dem Hof der Hans-Christian-Andersen-Grundschule im Stadtteil Gaarden angesprochen. Eines der Kinder soll er in seine nahe Wohnung gelockt und missbraucht haben. Es war nicht sein erstes Sexualdelikt: Erst drei Wochen zuvor war der Mann wegen Missbrauchs einer Fünfjährigen in einem Kindergarten, ebenfalls in Gaarden, festgenommen worden. Er kam jedoch nicht in Haft.

Die Wut vieler Eltern ist groß. Warum war der Mann nach dem ersten Übergriff noch auf freiem Fuß?

Der sh:z hat die Ereignisse rekonstruiert: Die Fünfjährige war in ihrem Kindergarten, dem Kinderhaus der Arbeiterwohlfahrt am Gustav-Schatz-Hof, missbraucht worden. Von einem Vater, der seine Kinder jeden Morgen dort abgegeben hat. Am 6. Januar lockte er die Fünfjährige auf die Toilette und verging sich an ihr. Kiels AWO-Geschäftsführerin Irene Sebens: „Zur Abholung um 15.30 Uhr offenbarte sich das Mädchen seiner Mutter, zeigte auf den Täter.“ Die Mutter griff den Verdächtigen an, es kam zu tumultartigen Szenen. „Die Leitung ging dazwischen und rief die Polizei“, berichtet Sebens.

Der Tatverdächtige wurde festgenommen, das Mädchen sofort rechtsmedizinisch untersucht. Die Verletzungen im Vaginalbereich sollen jedoch nicht eindeutig einem Missbrauch zuzuordnen gewesen sein. Oberstaatsanwalt Axel Bieler: „Zudem gab es Unstimmigkeiten in der Aussage der Fünfjährigen.“ Als Tatzeit hatte sie „mittags“ angegeben. Zu dieser Zeit war der Vater aber nicht im Kinderhaus gewesen.

Der Mann kam wieder frei. Und brachte seine Kinder am nächsten Tag gleich wieder vorbei. „Wir haben ihm sofort Hausverbot erteilt“, sagt die AWO-Geschäftsführerin. „Und waren fassungslos, dass wir nicht über die Freilassung informiert wurden.“ Denn eine Begegnung der Fünfjährigen mit ihrem mutmaßlichen Peiniger sei doch nicht zu verantworten.

Die Kripo Kiel ließ das Mädchen noch einmal durch speziell geschulte Beamtinnen befragen. Dabei kam heraus: Die Tat hatte sich am Vormittag ereignet und die Angaben der Fünfjährigen decken sich mit den festgestellten Verletzungen. „Am 11. Januar hatten wir einen dringenden Tatverdacht“, sagt Oberstaatsanwalt Axel Bieler. Doch die zuständige Dezernentin bei der Staatsanwaltschaft beantragte keinen Haftbefehl, weil sie keine Haftgründe sah – auch keine Wiederholungsgefahr. Bieler: „Der Tatverdächtige ist bislang durch Ladendiebstähle aufgefallen, nicht durch Sexualdelikte.“ Und da er den Kindergarten als Vater und nicht unberechtigt betreten habe, liege auch keine besondere kriminelle Energie vor.

Fakt ist: Der Familienvater soll danach die Siebenjährige missbraucht haben. Bei der Festnahme trugen Beamte eine blutbefleckte Matratze aus der Wohnung.

Der Verdächtige schweigt zu den Vorwürfen. „Ich habe ihm dringend dazu geraten“, sagt sein Rechtsanwalt, Stefan Tovar. Das Amtsgericht Kiel hat am Mittwoch angeordnet, dass ein Gutachter die Schuldfähigkeit des Mannes prüfen soll. Laut Staatsanwaltschaft gibt es Hinweise auf eine psychische Erkrankung.

Hat der Kinderschänder noch mehr Taten begangen? Polizeisprecher Matthias Arends: „Zum jetzigen Zeitpunkt rechnen wir ihm nur die beiden Fälle zu.“

Desaster für die Ermitter – ein Kommentar von Eckart Gehm

Die Polizei feiert die schnelle Festnahme als Erfolg, beim Rest der Bevölkerung herrscht Fassungslosigkeit. Da missbraucht ein Kinderschänder eine Fünfjährige in einem Kindergarten und kommt nicht in Haft. Als er drei Wochen später erneut zuschlägt und eine Siebenjährige von einem Schulhof in seine Wohnung verschleppt, erfährt die Öffentlichkeit davon zunächst einmal: nichts.

Der Eindruck, es werde etwas verschwiegen, ist ein Desaster für Polizei und Staatsanwaltschaft in Kiel, die seit Wochen im Kreuzfeuer stehen.

Der Schulleiter der Hans-Christian-Andersen-Schule im Kieler Stadtteil Gaarden hat den Ermittlern am Mittwoch den Vorwurf gemacht, nach dem ersten Vorfall im nahen Kindergarten nicht informiert zu haben. Sonst hätten seine Lehrer das Thema, nicht mit Unbekannten mitzugehen, im Unterricht auffrischen können. Alle wären wachsamer gewesen.

Erst beim Blick auf die Details wird klar, warum die Behörden auf jegliche Warnung verzichteten. Es gab keinen „Schwarzen Mann“, der von außen in den Kindergarten eingedrungen ist. Der mutmaßliche Täter ist ein Familienvater mit eigenen Kindern dort. Und nach dem Missbrauch der Siebenjährigen war eine Warnung nicht mehr notwendig, denn der Verdächtige kam kurz nach der Tat in Haft.

Und doch bleibt ein fader Beigeschmack, weil nach dem ersten Delikt nicht einmal ein Antrag auf Haftbefehl gestellt wurde. Der dringende Tatverdacht bestand doch. Hätte der Haftrichter ihn abgelehnt, müsste sich die Staatsanwaltschaft jetzt nicht den Vorwurf gefallen lassen, nicht alles versucht zu haben. „Im Nachhinein ist es leicht, zu sagen, wir hätten anders handeln müssen“, erklärte Oberstaatsanwalt Axel Bieler am Mittwoch. „Aber die Freiheit ist ein hohes Gut.“

Und die Unversehrtheit der Seele einer Siebenjährigen? Wie gefährlich ist ein Mann, der trotz Entdeckungsgefahr ein Kind auf der Kindergartentoilette missbraucht? Bei der Einschätzung dazu hat sich die Staatsanwaltschaft verschätzt.

 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert