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350 Jahre Christian-Albrechts-Universität zu Kiel : Warum Kiel Albert Einstein nach 95 Jahren ehrt

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Aus der Onlineredaktion

Heute vor 95 Jahren hielt Albert Einstein einen Vortrag über seine Relativitätstheorie im Kieler Gewerkschaftshaus. Bis zum 100. Jahrestag will Kiel nicht warten.

Kiel | Am 15. September 1920 sprach Albert Einstein im Kieler Gewerkschaftshaus vor tausenden Kieler Arbeitnehmern über seine Relativitätstheorie. Einstein, der zwei Jahre später den Nobelpreis erhielt, durfte aufgrund seines jüdischen Glaubens nicht in der Christian-Albrechts-Universität sprechen. Diese Entscheidung sorgte für hitzige Diskussionen in der Öffentlichkeit.

Heute, 95 Jahre nach Einsteins Vortrag in Kiel wurde nun eine Gedenktafel am Gewerkschaftshaus in Kiel eingeweiht. 95 Jahre ist eigentlich eine ungewöhnliche Zahl, warum warten die Initiatoren nicht bis zum 100. Jahrestag? Die Anbringung der Gedenktafel am denkmalgeschützten Gewerkschaftshaus wurde initiiert vom deutschen Gewerkschaftsbund in Kooperation mit der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Gedacht werden soll nicht nur dem brillanten Physiker und seinem Werk, sondern auch den Umständen unter denen der Vortrag stattfand und der Instrumentalisierung der Kieler Universität und der Wissenschaft während der NS-Zeit und in den Jahren davor.

Die Universität Kiel feiert in diesem Jahr am 5. Oktober ihr 350. Jubiläum und laut Dr. Boris Pawlowski, Leiter der Pressestelle der Universität und Projektleiter des Universitätsjubiläums 2015, muss auch dem unrühmlichen Teil der Geschichte gedacht werden. Und zu diesem zählt auch die Weigerung der Universität, im Jahr 1920 Einsteins Arbeit anzuerkennen und das Fehlverhalten, ihn auf seine Religionszugehörigkeit zu reduzieren.

Einsteins Verhältnis zu Kiel war ambivalent. Er besuchte die Stadt zum ersten Mal 1915 und verbrachte bis 1926 oft seine Sommerferien dort im Hause Anstütz. Hermann Anschütz-Kaempfe und Einstein lernten sich 1915 kennen, als Anstütz-Kaempfe sich in einem Patent-Streit um seinen Kreiselkompass mit Elmer Ambrose Sperry befand. Einstein wurde als Gutachter hinzugezogen und nachdem Anschütz-Kaempfe den Streit gewonnen hatte, entwickelte sich zwischen den beiden Wissenschaftlern einen langjährige Freundschaft.

Einstein gefiel es gut in Kiel, er segelte gerne und plante, wie die Kieler Nachrichten berichten, 1922 auch einen Umzug nach Kiel, nachdem Anstütz-Kaempfe sein Haus aufgegeben und die politische Stimmung in Berlin sich immer weiter aufgeheizt hatte. Der Plan wurde aber wieder verworfen, da Einstein auch in Kiel mit Anfeindungen rechnete. Einstein verließ Deutschland 1932 endgültig, 1934 wurde er ausgebürgert. Seine Arbeit und die Anerkennung hatte aber auch vorher schon im Schatten seiner Religion und damit verbundener Missachtung gestanden. Einstein war beispielsweise 50 Mal für den Nobelpreis nominiert und wurde erst 17 Jahre nach seinen ersten Publikationen zur Relativitätstheorie ausgezeichnet.

Die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel möchte zu ihrem 350-jährigen Jubiläum ein Zeichen setzen, für eine freie und unabhängige Wissenschaft, Forschung und Lehre ohne Dogmen und gegen Instrumentalisierung und Korrumpierung, sagt Pawlowski auch gegenüber shz.de.
Er betont, dass die Universität sich verpflichtet sieht, ihren jungen Studierenden nicht nur eine gute Fachausbildung mit auf dem Weg zu geben, sondern auch einen ethischen und moralischen Kompass.

In der Pressemitteilung zur Enthüllung der Gedenktafel betont Prof. Dr. Lutz Kipp, Präsident der CAU: „Vielfalt, Demokratie und Toleranz sind zentrale Werte, für die die Universität in Kiel heute einsteht. Ohne Menschen aus aller Welt und ohne den weltweiten Austausch von Wissen wären moderne Wissenschaft und sich weiterentwickelnde Gesellschaften undenkbar.“

Die Kooperation mit dem deutschen Gewerkschaftsbund und anderen Partnern spielt eine wichtige Rolle, weil die CAU auf eine Eingebundenheit in die Gesellschaft Wert legt. Einstein stellte seine Relativitätstheorie 1920 nicht nur Wissenschaftlern, sondern auch Arbeitern und allen anderen Interessierten vor und diese Offenheit soll weiterhin gefördert werden.

Außerdem handelt es sich bei dem Kieler Gewerkschaftshaus um einen symbolträchtigen Ort, der heute wie damals für Diskussion und Kontroverse steht.

Bereits im März erinnerte die CAU mit der Verlegung von Stolpersteinen an jüdische Wissenschaftler, die die Universität verlassen mussten. Am 14. September fand dann im Gewerkschaftshaus ein Vortag des Historikers Prof. Dr. Christoph Cornelißen von der Goethe-Universität Frankfurt am Main zum Thema „Universität in der NS-Zeit und davor“ statt.

Ulf Kämpfer (Kiels Oberbürgermeister, SPD), Frank Hornschu (DGB Regionsgeschäftsführer und Vorsitzender der Region Kiel) und Prof. Dr. Karin Schwarz (Vizepräsidentin der Christian-Albrechts-Universität) enthüllten heute Nachmittag die Gedenktafel. Im November wird, ebenfalls mit Prof. Cornelißen, eine Podiumsdiskussion zum Thema „Medizin im Nationalsozialismus“ stattfinden.

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erstellt am 15.Sep.2015 | 13:44 Uhr

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