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Urteil in Kiel : Vorwurf Kindesmissbrauch: 69-Jähriger freigesprochen

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Wurde ein heute 30-Jähriger vor 20 Jahren missbraucht? Selbst der Ankläger zweifelte an dieser Version.

shz.de von
erstellt am 18.Feb.2015 | 10:08 Uhr

Kiel | Das Kieler Landgericht hat einen 69-jährigen Mann vom Vorwurf des schweren sexuellen Missbrauchs freigesprochen. Der Rentner war angeklagt, sich vor rund 20 Jahren in Kiel am Sohn seines Freundes und Gartennachbarn vergangen zu haben. Ihm waren von 1994 bis 1998 insgesamt zehn Fälle zur Last gelegt worden. Mit dem Freispruch folgte das Gericht dem Antrag von Staatsanwalt und Verteidigung. Der Rechtsanwalt des 30-jährigen vermeintlichen Opfers und Nebenklägers hatte dagegen auf eine Freiheitsstrafe von mehr als zwei Jahren plädiert. Sie hätte nicht mehr zur Bewährung ausgesetzt werden können.

Es sei zwar möglich, „dass es die vom Nebenkläger geschilderten Fälle gegeben hat“, sagte der Vorsitzende Richter am Mittwoch. Für eine Verurteilung reichten die Aussagen des heute 30-Jährigen als einziges Beweismittel aber nicht aus.

Für die zehn angeklagten Taten gebe es nur die Aussage des mutmaßlichen Opfers, hatte der Ankläger am vergangenen Freitag (13. Februar) vor dem Landgericht Kiel gesagt. Doch an der Glaubwürdigkeit des 30-Jährigen, der in dem Verfahren Nebenkläger ist, gebe es Zweifel. Andere Beweise fehlten. Der Vorsitzende sprach von einer schwierigen Entscheidung der Jugendstrafkammer. „Wenn wir seine Aussage bewerten, enthält sie Realkennzeichen und durchaus eine gewisse Überzeugungskraft“, sagte der Richter. „Es war kein Auftritt von jemandem, der jemand anderen zu Unrecht belasten will.“ Doch der Aussage fehle nach fast zwei Jahrzehnten die erforderliche Zuverlässigkeit.

Kritisch wertete das Gericht unter anderem, dass der junge Vater kurz vor dem Prozess das Protokoll seiner ersten Polizeivernehmung von 2011 las. Dort berichtete er zunächst nur von fünf Fällen, zu denen er auch vor Gericht aussagte. An die anderen fünf Taten aus seiner zweiten Polizeivernehmung erinnerte er sich dagegen im Prozess nicht mehr. „Dies ist für uns nicht erklärbar und begründet Zweifel an der Zuverlässigkeit der Angaben“, sagte der Richter.

Nach Feststellungen der Kammer hat das vermeintliche Opfer zudem in einem zentralen Punkt unwahr ausgesagt. So hatte der 30-Jährige berichtet, er habe den Angeklagten erst 2010 auf der Hochzeit seines Bruders wiedergesehen. Doch die glaubhaften Aussagen der Ehefrau des Angeklagten und eines befreundeten Ehepaares hätten dies widerlegt, sagte der Vorsitzende. Demnach stand der Nebenkläger 2008 vor der Tür des 69-Jährigen, um Geld zu fordern. Dafür, dass die Schilderung der Zeugen falsch oder gar ein Komplott seien, gebe es keinerlei Anzeichen.

Außerdem hätten der Vater und die Stiefmutter des Nebenklägers seiner Angabe widersprochen, wonach er ihnen als damals Zehnjähriger von einem sexuellen Übergriff des Freundes und Gartennachbarn erzählt habe. Sie hätten dann in jedem Fall reagiert. Beide hätten den Sohn zudem glaubhaft als jemanden geschildert, der schon mal die Unwahrheit sagt. Den Angeklagten und dessen Ehefrau bezeichnete der Staatsanwalt als „ordentliche, bürgerliche Leute“ mit Kindern und Enkelkindern. Der 69-Jährige sei auch nicht vorbestraft. „In der Gesamtschau reicht es nicht, den Angeklagten zu verurteilen“, sagte der Staatsanwalt.

Der 30-Jährige hatte unter anderem von Übergriffen in der Gartenlaube und dem Schlafzimmer des Mannes berichtet. Dass er sich erst rund 20 Jahre später nach einem Streit mit seiner Ehefrau offenbart und auf ihren Druck hin Strafanzeige gestellt hatte, deutete der Ankläger nicht als Wahrheitsbeweis, sondern als möglichen Versuch, bei ihr Sympathie zu erzeugen. Sie hatte ihm unter anderem Gefühllosigkeit vorgeworfen und gesagt, da müsse es etwas in seiner Kindheit geben.

Der Rechtsanwalt des mutmaßlichen Opfers hatte keine Zweifel an den Angaben seines Mandanten. Es gebe keine Lügenmerkmale: „Das kann man sich nicht ausdenken, wenn man es nicht erlebt hat“, sagte der Anwalt. Dass sein Mandant früher log, dürfe nicht dazu führen, den Grundsatz anzuwenden: „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht.“

Der 69-Jährige hatte vor Gericht geschwiegen.

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