zur Navigation springen

Von „gutem Sex“ und Toleranz: Viel Einigkeit bei Diskussion in der Kirche

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

shz.de von
erstellt am 10.Apr.2014 | 04:57 Uhr

Zum Streitgespräch, wie es angekündigt worden war, reichte die Diskussion über Toleranz und Kirche am Dienstagabend nicht. Doch wenn in der bunten Runde mit Lilo Wanders, dem Innenminister Andreas Breitner, der EKD-Kulturbeauftragten Petra Bahr und Moderator Propst Thomas Lienau-Becker bei allem Biss Konsens herrschte, vermochte sie es, den Zuschauern in der vollen Nikolaikirche wichtige Denkanstöße zu bieten und für das Thema weiter zu öffnen.

„Dass ich eingeladen worden bin, ist schon ein Statement“, stellte Wanders, die durch die TV-Erotiksendung „Wa(h)re Liebe“ in der Travestie-Rolle zu Bekanntheit kam, treffend fest. Wer erwartet hatte, dass nur Lilo Wanders die etwas andere Sicht auf das Thema bringen sollte, durfte sich überraschen lassen. „Der gute Sex ist nicht nur bei gleichgeschlechtlichen Paaren zu finden“, wusste auch Petra Bahr ihre Pointen zu setzen. Und doch ging es nicht um Klamauk: Es solle nicht erst relevant werden, über Sexualität zu reden, wenn es um vermeintliche Randerscheinungen gehe oder Probleme wie Pädophilie. Wanders pflichtete bei: „Es geht um die Auflösung der Fassade“, betonte sie die „Sehnsucht nach Wahrhaftigkeit“.

Weniger als Exotin, denn als unvoreingenommene, vorurteilsfreie Person stellte Lilo Wanders ihren Ansatz von Toleranz dar: „Jeder soll äußern und denken, was er will. Und wir müssen mit positiver Kraft gegen Intoleranz halten.“ Dass das im Grunde naiv ist, wusste Wanders selber, doch Bahr machte auf ein neues Problem aufmerksam und fragte: „Wann geht Toleranz in Gleichgültigkeit über?“ Darüber dass das Thema Pädophilie nicht im Zusammenhang mit sexueller Freiheit steht und indiskutabel sei, war man sich dann einig.

Wie verhält es sich aber mit Religion und Toleranz? Nach den allgemeinen Gedanken, äußerte Bahr die wohl interessanteste These des Abends. Soziologen hätten herausgefunden, dass gläubige Menschen generell offener seien für andersgläubige Menschen, als diejenigen, die generell ein Unbehagen gegenüber Religion empfinden. Sie seien gelassener, mit Wahrheitsfragen umzugehen. Breitner verwies in diesem Zusammenhang auf „Scheinchristen“, die etwas für sich in Anspruch nähmen, was sie selber nicht verkörpern. Im Rendsburger Minarett-Streit vor einigen Jahren habe es eine Menge an „meinungsstarkem aber faktenschwachem“ Protest gegeben, so Breitner, der einer gewissen „Salontoleranz“ entspringe: „Muss das denn sein“, hätten die Leute sich gefragt. Doch mit den richtigen Argumenten seien die meisten Vorbehalte beseitigt worden, mittlerweile empfinde man das als normal. Nachdem man sich einig war, dass die Bedingung von Toleranz Bildung und Aufklärung sei, wagte Wanders dann noch ein gewagteres Thema. Es brauche einen „gewissen Wohlstand, um tolerant sein zu können“, meinte Wanders und sagte bedrückt, dass sozialschwächere Menschen im Zuge der Toleranz eine Ordnung aufgeben müssten, die nur mühsam zusammengehalten würde. Wäre diese These nicht unkommentiert ins Leere verlaufen, wäre es vielleicht doch noch heikler geworden. Hatte Breitner doch eingeräumt, dass sich auch in Rendsburg eben nicht alle hatten umstimmen lassen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert