150 Jahre Städtisches Krankenhaus : Vom Armenhaus zur modernen Klinik

Dicht an dicht standen die Metallbetten:  Diese Aufnahme zeigt die Kinderstation von 1913. Damals waren Scharlach, Diphterie oder Tuberkulose noch weit verbreitet.
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Dicht an dicht standen die Metallbetten: Diese Aufnahme zeigt die Kinderstation von 1913. Damals waren Scharlach, Diphterie oder Tuberkulose noch weit verbreitet.

Das Städtische Krankenhaus in Kiel feiert in diesen Tagen seinen 150. Geburtstag. Mehr als bescheiden waren die Anfänge: Die „Gesellschaft freiwilliger Armenfreunde“ errichtete 1865 eine „Zwangsarbeitsanstalt“ - im Obergeschoss war eine kleine Krankenstation untergebracht.

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10. Juli 2015, 12:49 Uhr

Die Anfänge zeugen von der Schattenseite früh-industrieller Entwicklung in den Städten, dem Elend der Hinterhöfe, wo der Mann als Hauptverdiener ausgefallen war. Die „Gesellschaft freiwilliger Armenfreunde“ errichtete deshalb 1865 eine „Zwangsarbeitsanstalt“, die Baukosten übernahm die Kieler Spar- und Leihkasse. 118 Personen kamen hier unter. Im Erdgeschoss des gefängnisartigen Gebäudes befanden sich ein Raum für geisteskranke Frauen, ein Mädchenraum und auch Arresträume. Das Obergeschoss belegte die Krankenabteilung: 19 Betten für Männer, jeweils drei Plätze für Kinder und Frauen. Diese bescheidenen Krankenstuben wurden zur Keimzelle des heutigen Städtischen Krankenhauses, das in diesen Tagen sein 150-jähriges Bestehen feiert.

Ein Meilenstein war 1876 die Einstellung eines eigenen „Kandidaten der Medizin“ – es waren die Anfänge der professionellen Krankenpflege. Stückweise kamen in den Folgejahren, als auch die Einwohnerzahl von Kiel in die Höhe schnellte, neue Häuser und Anbauten hinzu: eine Desinfektionsanstalt (1889), ein Wirtschaftsgebäude (1890), Cholerabaracken (1892), eine neue Männer-Station mit 54 Betten (1895), eine Station für geschlechtskranke Frauen (1896), eine Frauen- und Kinderstation (1902) und eine eigene Tuberkulose-Abteilung (1906). Mit der Trennung der Armenanstalt vom Krankenhausbetrieb war 1908, also noch zu Kaisers Zeiten, das Anfangskapitel der Klinikgeschichte beendet.

Im Ersten Weltkrieg wurde die Einrichtung zum Lazarett für verwundete Soldaten, 1918 sollte dann der Schrecken der „Spanischen Grippe“, die weltweit Millionen an Opfern forderte, die Schrecken des Krieges ablösen. Die Arbeit mit dem neuen Elektrokardiographen und auch die Eröffnung einer eigenen Diabetikerambulanz fallen in die Zeit der Weimarer Republik. Ab 1933, als die Nazis an die Macht kamen, spielte auch das Städtische Krankenhaus eine unrühmliche Rolle. Die Sterilisationen nach dem Gesetz zur „Verhütung erbkranken Nachwuchses“ gehören dazu. Genaue Unterlagen gibt es nicht mehr. „Sie sind wohl vernichtet worden“, vermutet Birgitt Schütze-Merkel. Sie ist zuständig für Öffentlichkeitsarbeit und damit auch für das Jubiläum, das an zwei Tagen gefeiert wird: am Donnerstag mit dem 1800-köpfigen Personal und am Freitag mit geladenen Gästen. Dann wird auch die historische Bilderschau eröffnet, die alle Klinikbesucher anschließend in der Eingangshalle bewundern können.

Heute verfügt das Städtische Krankenhaus über insgesamt 644 Betten, damit ist es eine der größten Kliniken im Lande. Und mit Abstand das Krankenhaus mit den meisten Geburten: Etwa 1700 kleine Menschenkinder erblicken hier in jedem Jahr das Licht der Welt. „Darauf sind wir stolz“, sagt Birgitt Schütze-Merkel. Für sie und ihre Kollegen besitzt auch der Name „Städtisches Krankenhaus“ Qualitätscharakter. Er stand vor ein paar Jahren zur Diskussion. Doch eine überwältigende Mehrheit der Schwestern und Pfleger, der Ärzte, Techniker und Büro-Angestellten lehnte die Umbenennung strikt ab. Begründung: Das „Städtische Krankenhaus“ kennt jeder – das soll auch so bleiben.

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