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Kiel : Vom Arbeiterkind zum Studenten

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Florian Brüderle (34) kam nur über Umwege zum Informatik-Studium. Er unterstützt die Initiative ArbeiterKind, die heute an der Kieler Uni ein Büro eröffnet. Sie will Kindern von Nicht-Akademikern den Zugang zum Studium erleichtern.

Sein Universum war zu klein. Damals, als Jugendlicher in einem Dorf am Starnberger See. Damals, da sah Florian Brüderle mit seinem Hauptschulabschluss für sich nur zwei Möglichkeiten: Eine Lehre im Handwerk oder einen Bürojob, in dem man Akten sortiert. Seine Eltern – Zimmermann und Krankenschwester – wussten es auch nicht besser. Seine Geschwister traten in die Fußstapfen der Eltern: Zimmermann und Krankenschwester. Brüderle wollte mehr erreichen. Er wusste nur lange nicht, was. Und auch nicht wie. Heute ist Brüderle 34 Jahre alt, lebt in Kiel und studiert Informatik an der Fernuni Hagen. Sein Ziel: Ein Job bei der Europäischen Raumfahrtagentur ESA.

Den Weg dahin hat Florian Brüderle nur über Umwege gefunden – und über den dritten Bildungsweg. Damit Kinder von Nicht-Akademikern wie er einen leichteren Zugang zu einem Studium bekommen, engagiert er sich bei der bundesweiten Initiative ArbeiterKind. Heute eröffnet diese ein Büro in Kiel.

Die neue Regional-Koordinatorin heißt Kristin Brüggemann. Ihre halbe Stelle an der Christian-Albrechts-Universität (CAU) zu Kiel wird vom Wissenschaftsministerium finanziert. Bei ihr (E-Mail: brueggemann@arbeiterkind.de) können sich Schüler, Eltern und auch Studierende melden. Auch Schulen aus Kiel und der Region sind eingeladen – die Ehrenamtler machen auch Klassenbesuche. Die gemeinnützige Initiative möchte durch ein niedrigschwelliges Beratungsnetzwerk erreichen, „dass die Quote der Nicht-Akademikerkinder an Hochschulen steigt und die Quote der Studienabbrecher verringert wird“. Denn im Durchschnitt nehmen deutlich mehr als 70 Prozent der Kinder von Akademikern ein Studium auf, aber nur gut 20 Prozent der Kinder von Nicht-Studierten. Bundesweit engagieren sich etwa 6  000 Ehrenamtliche in 70 lokalen Gruppen. Im Norden gibt es bislang vier Gruppen – neben der in Kiel, die seit 2009 besteht, auch in Flensburg, Lübeck und Heide.

Florian Brüderle ist seit 2011 dabei. Er selbst hat erst mit Anfang 30 herausgefunden, dass er studieren kann. „Früher waren für mich nur Lehrer und Ärzte Akademiker“, sagt er. Kein Teil seines Universums. Nach dem Hauptschulabschluss ist Brüderle klar, ein schlichter Handwerksberuf reizt ihn nicht, die Lehre zum Elektroinstallateur schon eher. Doch schon bald langweilt ihn die Praxis auf der Baustelle.

Dann will ihn die Bundeswehr mustern. Brüderle steckt beruflich in der Sackgasse. Für vier Jahre verpflichtet er sich als Elektroinstallateur in Kaufbeuren. Es werden dann zwölf Jahre. Durch Reformen nutzt er die Möglichkeit einer Lehre zum Fachinformatiker – die IT interessiert ihn schon länger. Mehrere Standortwechsel bringen den jungen Mann nach Kiel, Neustadt in Holstein, wieder nach Bayern und Kronshagen. Er setzt einen Fachwirt drauf – der Zugang zum Studium.

In Mathe holt er sich Nachhilfe – alles andere packt Florian Brüderle. Er sagt: „Ich habe nie das Gefühl, dass eine Sache zu groß für mich ist. Manchmal falle ich auf die Nase. Aber diese Einstellung hat mir geholfen, mein Universum aufzubrechen.“ Noch bis kommendes Jahr ermöglicht die Bundeswehr ihm das Studium über Übergangsgebührnisse. „Entweder bin ich dann fertig – oder ich muss mir was anderes überlegen“, sagt Brüderle optimistisch. Und wenn es mit der ESA doch nicht klappt – dann konzentriert der Wahl-Kieler sich auf die IT-Sicherheits-Branche.

 

 

 

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erstellt am 04.Mär.2015 | 06:37 Uhr

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