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Dokumente aus dem Mittelalter : Vom Abfallhaufen der Geschichte

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die neue Ausstellung im Warleberger Hof beschäftigt sich mit historischen Dokumenten längst vergangener Jahrhunderte. Einige der wertvollen Stücke aus dem Stadtarchiv haben eine bizarre Rettungsgeschichte hinter sich.

Es ist schon eine böse Ironie der Geschichte: Aus Angst vor Vernichtung durch britische Brandbomber während des Krieges wurde das im Rathausturm untergebrachte Kieler Stadtarchiv ins brandenburgische Putlitz ausgelagert. Dort aber landete ein Großteil der wertvollen Dokumente schlichtweg auf dem Müllhaufen, weil die Rote Armee im Gebäude ein Lazarett einrichtete. Der Rathausturm allerdings ragte bei Kriegsende als nahezu einziges unbeschädigtes Gebäude in der Kieler Innenstadt in den Himmel. Eine Ausstellung im Warleberger Hof erlaubt jetzt bis Mitte September einen Einblick in das historische Gedächtnis: „Urkunden aus der mittelalterlichen Stadt“.

Insgesamt besitzt Kiel noch 275 Urkunden und 30 Stadtbücher aus der Zeit zwischen dem 13. und dem 16. Jahrhundert. 40 von ihnen werden im Museum ausgestellt. Als Kieler Geburtsdokument gilt die Urkunde aus dem Jahre 1242, in der Johann I. Graf von Holstein der von seinem Vater Adolf IV. gegründeten Plan-Siedlung das Stadtrecht verleiht. Diese Urkunde ist bereits vor Jahrhunderten verloren gegangen. Doch wie Johannes Rosenplänter sagt, der Leiter des Kieler Stadtarchivs, existiert immerhin eine Abschrift aus dem 17. Jahrhundert mit dem Verweis auf 1242.

Die älteste erhaltene Urkunde datiert in das Jahr 1259. Das kleine, sich bescheiden ausnehmende Pergamentstück vermerkt die Schenkung der Grafen Johann und Gerhard von Holstein über ein zur Förde reichendes Landstück an die Stadt Kiel. Als wertvollstes Stück gilt die Abschrift des Lübischen Rechts, quasi das Grundgesetz der damaligen Zeit. Die handschriftliche Kopie haben Mönche um 1285 vermutlich monatelang in ihrer Schreibwerkstatt erstellt.

Einen eigenen Raum im historischen Gewölbekeller widmet die Ausstellung den sogenannten „Rückkehrern“. Das sind verschollene Fundstücke, die es auf verschlungenen, selten aufgeklärten Wegen zurück nach Kiel geschafft haben. Aus München kam jüngst eine solche Post und sogar aus Armenien. Es ist gut vorstellbar, dass sich einst sowjetische Soldaten oder deutsche Passanten aus dem Abfallhaufen der historischen Materialien bedient haben. Dank eines glücklichen Zufalls ist auch jenes Dokument erhalten geblieben, in dem Dänen-König Friedrich I. der Stadt 1530 das Kieler Franziskanerkloster schenkt. Bedingung: Kiel muss die Versorgung der acht alten gebrechlichen Mönche übernehmen. Eine Kommission des Kieler Rates erstellte eine ausführliche Inventarliste, die von liturgischen Gewändern über wertvolle Handschriften bis zum Abendmahlsgeschirr reicht. „Das war wie eine feindliche Übernahme“, sagt Rosenplänter, „und hat natürlich mit der Reformationsgeschichte zu tun.“  
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> Die Ausstellung „Urkunden aus der mittelalterlichen Stadt“ läuft im Warleberger Hof bis zum 17. September.
> Geöffnet das Stadtmuseum dienstags bis sonntags jeweils von 10 bis 18 Uhr, am langen Donnerstag bis 20 Uhr. Der Eintritt kostet 4 Euro (ermäßigt: 1 Euro).
> Eine Sonderführung findet am Donnerstag, 17. August, um 18 Uhr statt. Stadtarchivar Johannes Rosenplänter begibt sich auf „Zeitreise ins Mittelalter“. Anmeldung: Tel. 0431 / 901  -  34  88.

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erstellt am 23.Jul.2017 | 17:52 Uhr

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