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Düsternbrook : Villengegend verliert ihr altes Gesicht

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Abriss eines Gründerzeit-Hauses am Düsternbrooker Weg nur ein Beispiel von vielen. Ein Kieler Experte kritisiert die zu dichte Neubebauung im Stadtteil.

shz.de von
erstellt am 20.Nov.2014 | 06:49 Uhr

Liebhaber nannten es das letzte Stadtpalais im Kieler Villenviertel. Das hellgraue Haus, Ende 19. Jahrhundert gebaut, klassizistische Fassade, ist abgerissen worden. Eine Nachbarschafts-Initiative hatte vergeblich, auch gerichtlich, versucht, das zu verhindern. Gestern hat der Abrissbagger der Ruine den Rest gegeben. Hintergrund: Investoren wollen, wie berichtet, auf der Fläche am Düsternbrooker Weg – „großzügige Aussichten in bester Lage“ – unweit des denkmalgeschützten Martius-Parks Luxus-Wohnungen („Martius-Terrassen“) bauen. Überall an der prestigeträchtigen Straße mit Blick auf die Förde, an der auch das Landeshaus steht, entstehen und entstanden moderne Terrassen-Häuser. Neue Edel-Domizile reihen sich auch weiter nördlich entlang der Kiellinie aneinander. Das Villenviertel verliert sein altes Gesicht.

Für Dr. Helmut Behrens (Foto) steht das außer Frage. Doch warum musste es so kommen? Der Kieler Experte für Denkmalschutz hat Antworten. Er kennt sich in der Landeshauptstadt aus, jahrelang arbeitete er im Vorstand der Architektenkammer Schleswig-Holstein, war Mitglied im Beirat für Stadtgestaltung. Als Architekt sagt er nüchtern: „Diese Entwicklung ist der normale Wandel im Straßenbild.“ Der Umbruch habe vor etwa 30 Jahren am Kleinen Kiel begonnen. Er setze sich weiter fort. Der Bau der „Martius-Terrassen“, so Behrens, „ist kein Einzelfall“. Er führt ein weiteres aktuelles und „prominentes Opfer“ in der Region an: die Villa Hoheneck in Altenholz direkt am Kanal, die einer Terrassenwohnanlage weichen soll.

Um einen drohenden Abriss zu stoppen, wird gern der Denkmalschutz bemüht. Doch die Gründerzeit-Villa in Düsternbrook sei „weit von einem Kulturdenkmalcharakter entfernt“, meint Behrens. Dazu gab es zu viele nachträgliche Eingriffe wie Kunststofffenster. Auch der Stadtteil selbst falle nicht durch eine hohe Dichte von Denkmalen auf.

„Nachverdichtung“ heißt der Fachbegriff, den Behrens kritisch ins Spiel bringt. Er beklagt, dass Investoren nach dem Abriss mit zu vielen Neubauten zu wenig Freiflächen ließen – „teilweise bis an die Grenze des Zumutbaren und darüber hinaus“. Die Kiellinie und der Niemannsweg seien „geprägt von Neubauten, die den bebauungsplanfreien Zustand großer Gebiete Kiels ausnutzen“. Besonders die modernen repräsentativen Immobilien an der Wasserkante „hätten etwas einfühlsamer gebaut werden können“. Behrens präferiert dunklere Farbgebungen, die nicht so stark auffallen. In der Hinsicht hätten die Investoren der geplanten Luxus-Wohnungen am Düsternbrooker Weg sogar das gestalterische Optimum erreicht, meint der Architekt.

Stichwort fehlende Bebauungspläne: Behrens’ Einschätzung nach hat die Kieler Stadtverwaltung aus Kostengründen oft auf Bauleitplanungen verzichtet, oder sie habe die Notwendigkeit in Gebieten – „die ja bebaut sind“ – nicht gesehen. Dabei können ihm zufolge diese Pläne unter bestimmten Voraussetzungen den Bestand quasi „einfrieren“. Ist das nicht möglich, sorgten gewisse Vorgaben immer noch dafür, dass die Struktur eines Quartiers wie an der nördlichen Kiellinie durch die Bewahrung der Freiflächen weitgehend erhalten bleibt. Der Zug für die Edel-Wohngegend Düsternbrook sei allerdings abgefahren. Behrens: „Jetzt ist eine Phase erreicht, in der alles zu spät ist.“

Hätte die Stadt Kiel mehr tun müssen, um alte Bausubstanz zu erhalten? „Die Stadt setzt sich durchaus ein“, urteilt der 67-Jährige. Bürgermeister und Baudezernent Peter Todeskino engagiere sich, „aber er kann nicht die Stadt dazu verdonnern, flächendeckend Bebauungspläne anfertigen zu lassen“. Der Architekt und Diplom-Ingenieur Helmut Behrens plädiert viel mehr dafür, innerstädtische Baulücken konsequent zu schließen, anstatt Häuser mit Erinnerungswert abzureißen. „Baulücken gibt es immer noch, etwa in der Fleethörn.“

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