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Entschärfung in Kiel : Vier Bomben zum Geburtstag

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Gute Vorbereitung, gute Zusammenarbeit, gutes Ergebnis: Blindgänger deutlich früher als erwartet entschärft. Sprengmeister Oliver Kienast wurde gestern 48.

shz.de von
erstellt am 21.Aug.2015 | 15:13 Uhr

Ausgerechnet an seinem Geburtstag erlebt Sprengstoffexperte Oliver Kienast die umfangreichste Bombenentschärfung in Kiel seit Jahrzehnten: Nicht nur eine – gleich vier Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg muss er an seinem 48. Geburtstag unschädlich machen. Als er und sein Kollege Georg Ocklenburg morgens um 20 vor Elf mit der ersten amerikanischen Fliegerbombe beginnen, weiß Kienast nicht, ob er abends pünktlich zur privaten Feier mit Gästen zu Hause sein wird. Er weiß nicht mal, ob er überhaupt zurückkommen wird. Jeder Einsatz kann tödlich enden.

Doch es wird alles gut gehen – auch dieses Mal. So gut, dass die insgesamt fünf Spezialisten des Kampfmittelräumdienstes am Ende sogar zwei Stunden früher als geplant fertig sein werden. Ein Polizeisprecher bilanziert am Ende gut gelaunt: „Einfach großartig.“

Bis dahin jedoch steht dem Kieler Ostufer ein halber Tag im Ausnahmezustand bevor. Der Stadtteil Wellingdorf liegt in der 500-Meter-Schutzzone rund um den Bombenfund auf dem Gelände einer Gemeinschaftsschule. 4500 Menschen müssen ihre Wohnungen verlassen, zwei Pflegeheime evakuiert werden – ein „gigantischer Aufwand“, wie es Christoph Cassel vom Ordnungsamt der Stadt beschreibt.

Bereits um 5 Uhr in der Frühe hat das Pflegeheim Petrick sein Personal zusammengetrommelt. Rund 80 Bewohner – darunter etliche bettlägerig oder auch dement – müssen vorbereitet und ausquartiert werden. Für 25 Pflegebedürftige hat das Kieler Uniklinikum eigens eine Station in der Augenklinik geräumt – dort stehen Heimmitarbeiter für zwei Betreuungs-Schichten bereit. Weitere Bewohner werden in die Turnhalle einer Schule im benachbarten Stadtteil Ellerbek gebracht – die Sammelstelle für Anwohner. Um 8 Uhr fährt eine Phalanx von 20 Einsatzfahrzeugen auf dem Schulgelände vor. 100 Kräfte von Berufsfeuerwehr, Rettungsdiensten und vom Tiefbauamt der Stadt sowie 80 Polizeibeamte übernehmen ihre Aufgaben: Straßen sperren, Kranke begleiten, Getränke reichen, Blutdruck messen.

Helmut Breitzke (68) ist einer derer, die an diesem Tag etwas mehr Betreuung brauchen. Er leidet an einer Herzmuskelschwäche, bekommt Kreislaufprobleme: „Mir war plötzlich schwummerig.“ Auf einer Liege in der Turnhalle lässt er sich verarzten, hält die Belegschaft bei Laune: „Ich bin Optimist, mich erschüttert nichts mehr.“ Eine Frau knickt um und muss zum Röntgen ins Krankenhaus gebracht werden, eine 94-Jährige verschluckt sich und erhält Sauerstoff.

Während der „Bomben-Countdown“ für den Kampfmittelräumdienst ein wenig später als geplant beginnt, entspannt sich die Stimmung an der Sammelstelle für die Anwohner. Man trinkt Kaffee, knabbert Kekse, löst Kreuzworträtsel. Am Ende holt ein Mann die Gitarre raus und stimmt für ältere Herrschaften im Rollstuhl Lieder zum Mitsingen an: „Über den Wolken“ oder „Heart of Gold“. Auch das befürchtete Verkehrschaos bleibt aus.

Um 13.47 Uhr dann geben die Sprengstoffexperten Entwarnung: Die Gefahr ist gebannt, auch der vierte Blindgänger entschärft. Sprengmeister Oliver Kienast erklärt, warum es so glatt lief: „Die Bomben waren in einem richtig guten Zustand. Aber es gab auch tolle Vorarbeit.“ Damit meint er auch das Freilegen jener Fliegerbombe, die viereinhalb Meter tief im Boden unter einem Klassenzimmer lag. Fast zwei Wochen lang buddelten Kienasts Kollegen mit Hilf eines Kleinbaggers – und auch mit den bloßen Händen.

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