„Vielleicht geht das grandios schief“

Ein bisschen Reue: „Ich weiß, dass ich vielen Leuten damit Scherereien verursacht habe“, sagt Robert Habeck zu seinen Berlin-Plänen auf dem Parteitag.
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Ein bisschen Reue: „Ich weiß, dass ich vielen Leuten damit Scherereien verursacht habe“, sagt Robert Habeck zu seinen Berlin-Plänen auf dem Parteitag.

Robert Habeck erklärt den Nord-Grünen auf dem Parteitag, warum er in die Bundespolitik wechseln will / Er erhält viel Zuspruch

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10. Mai 2015, 12:20 Uhr

Das kommt selten vor auf Parteitagen der Nord-Grünen: Soeben hat Robert Habeck zu Ende geredet, hat seinen geplanten Wechsel in die Bundespolitik begründet – da springen die Delegierten auf und feiern „ihren“ Robert mit stehenden Ovationen. Eine knappe Minute zwar nur, doch bei den Grünen ist schon das eine lange Zeit, und dem Adressaten des Beifalls scheint so viel Zuspruch schon fast peinlich.

Tatsächlich hatte Habeck mit seiner Ankündigung am vergangenen Dienstag, die Spitzenkandidatur bei der Bundestagswahl 2017 ins Visier zu nehmen, den eigenen Laden kräftig durcheinandergewirbelt. Im Norden waren sie überrumpelt. In der Führung von Partei und Bundestagsfraktion mussten sie den Vorstoß des Kielers als klaren Hinweis verstehen, es besser zu können als die in Berlin.

Vielen kam seine Ankündigung viel zu früh, andere drängten darauf, zügig Klarheit zu schaffen. „Es gab Unruhe, wir wollten Klarheit“, sagte auch die wiedergewählte Landeschefin Ruth Kastner, die gleich zum Auftakt des Parteitags möglichen Kritikern den Wind aus den Segel zu nehmen versucht. „Robert denkt größer als Schleswig-Holstein und größer als nur in politischen Kategorien.“

20 Minuten, doppelt so lang wie angekündigt, redet Habeck. „Ich bin bereit, das Risiko zu suchen“, sagt er und hat „keine Ahnung, ob das, was ich in den letzten Tagen gesagt, getan und angestoßen habe, gut ausgeht.“ Riskant sei die Kandidatur „sicherlich“, egoistisch sei sie nicht, naiv – vielleicht.

Kritik an seinen Kritikern vermeidet er – entgegen der ursprünglichen Absicht. Stattdessen gibt es sich nach seiner Ankündigung selbstkritisch („Ich weiß, dass ich vielen Leuten damit Scherereien verursacht habe“) und lobt seinen Landesverband („Ich glaube, wir Grünen in Schleswig-Holstein ... können mit unserer besonderen Mischung aus Radikalität und Pragmatismus einen eigenen Impuls setzen“). Und Habeck erklärt, weshalb er ins Risiko gehen will. Eine „grassierende Sprach- und Orientierungslosigkeit“ macht er aus in Deutschland. Die Lehre aus der verlorenen Bundestagswahl könne nicht sein, jetzt Kanzlerin Angela Merkel nachzueifern und keine Debatten mehr zu führen, sagt er. Der „Merkelsche Effekt der Entpolitisierung“ dürfe nicht auch bei den Grünen einziehen.

Vielleicht, gibt sich Habeck nachdenklich, gehe seine Kandidatur „grandios schief“. Dann habe sich die Partei bewusst anders entschieden. „Aber auch das ist allemal besser, als ein bewusstloses Taumeln durch Rituale. Eine Partei braucht eine Wahl.“

In der Debatte bleibt es bei kritischen Stimmen von gerade einmal zwei Lübecker Delegierten. Denen geht es gegen den Strich, dass das sorgsam austarierte Personaltableau zwischen Bundes- und Landesebene ins Wanken gerät. Das wird dann der Fall sein, wenn Habeck – nach einem Erfolg bei einer möglichen Urwahl des Spitzenkandidaten im kommenden Jahr – im eigenen Landesverband gegen seinen Freund Konstantin von Notz wird antreten müssen.

Drei Schleswig-Holsteiner sitzen für die Grünen im Bundestag. Platz eins und drei der Landesliste sind für Frauen reserviert. Auf Platz zwei käme es dann womöglich zur Kampfkandidatur zwischen Habeck und dem profilierten Innenpolitiker und Fraktionsvize der Bundestagsfraktion. Habeck glaubt, „ja eigentlich bin ich mir sicher, dass wir das hinkriegen“, sagt Habeck.

Die Mehrzahl der Redner stärkt ihrem Lieblingsgrünen den Rücken. „Und Habeck zieht nach der Debatte zufrieden Bilanz über den „Schulterschluss“. Jetzt gehe er gemeinsam mit dem Landesverband „auf die Reise“. Klar ist dabei: Seinen Job in der Landesregierung wird er bis zur Landtagswahl 2017 weitermachen. Das hat er Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) versprochen. Ein früherer Abgang hätte die Küstenkoalition aus SPD, Grünen und SSW in eine tiefe Krise gestürzt.

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