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Amtsgericht : Viagra: 600 Pillen „für den Eigenbedarf“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Freispruch für Kieler (58): Das Amtsgericht konnte ihm den Handel von knapp 600 gefälschten Potenzpillen nicht nachweisen.

shz.de von
erstellt am 19.Aug.2015 | 17:57 Uhr

Vermummte Einsatzkräfte stürmten die Kieler Wohnung des Angeklagten – sie fanden zwar legale Schreckschusspistolen, aber weder illegale Waffen noch Belege für Menschenhandel oder Drogen. Ein Zeuge hatte den Mann mit diesen Vorwürfen belastet. Am Ende wurde der Zeuge als wenig glaubwürdig eingestuft. Im Schlafzimmer des angeklagten Kielers stießen die Beamten allerdings auf eine ganze Batterie an Pillen – fast 600 Tabletten mit dem Wirkstoff Sildenafil, besser bekannt als Viagra.

Die Pillen, die Männern bei „erektiler Dysfunktion“ helfen sollen, waren gefälscht. Der Fund stammt von Mitte Januar 2014. Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft: Der 58-Jährige soll das Potenzmittel erworben haben, um es illegal weiterzuverkaufen. Viagra ist in Deutschland apotheken- und verschreibungspflichtig.

Doch der Kieler stritt den Vorwurf ab. Gegen einen Strafbefehl über 3000 Euro hatte er zuvor über einen Anwalt Einspruch eingelegt. So kam es gestern zur Hauptverhandlung vor dem Amtsgericht. Hier bekräftigte der Angeklagte seine Haltung. Angesichts der Pillen-Menge mit einer für Richter und Staatsanwältin wenig plausiblen Begründung: „Ich habe es für mich selbst gehabt.“

Zwar konnte der geschiedene Vater eines Sohnes ein Rezept für das Viagra und ein ärztliches Attest vorlegen, das ihm aufgrund einer Diabetes-Erkrankung eine Erektionsstörung bescheinigt. Doch der Richter fragte den 58-Jährigen: „Wozu braucht man ein Rezept, wenn man 600 Tabletten in der Schublade hat?“ Erklärung: Die Zuzahlung war dem Angeklagten zu teuer: „Ich musste 55 Euro für vier Tabletten bezahlen.“ Er habe ein gutes Angebot bekommen – ein Euro pro Pille – und zugegriffen.

Auch das überzeugte den Richter nicht: „Das heißt, Sie haben 50 Euro für ein Rezept nicht übrig, aber 600 Euro für 600 Tabletten?“ Der Hausmeister lebt in beengten Verhältnissen. Er wolle dem Angeklagten nicht zu nahe treten, führte der Richter weiter aus. Aber der Mann sei geschieden. Und: „Ich brauche niemandem vorrechnen, für wie viel Geschlechtsverkehr dieser Vorrat ausreichen würde.“ Das verunsicherte den Angeklagten nicht: Er habe zwei Freundinnen. „Die können eine Aussage machen.“

Auf das Angebot ging das Gericht nicht ein. Für den Richter stand am Ende fest: Trotz des „hinreichenden Tatverdachts und der schwammigen Angaben“ reichten die Indizien nicht für eine Verurteilung. Es gab keinen Nachweis des Handels. Mit dem Freispruch entsprach der Richter dem Antrag der Verteidigung.

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