zur Navigation springen

Friedhofs-Frust : Verwahrloste Gräber: Stadt greift durch

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Kieler Verwaltung hat zum ersten Mal 17 Grabstellen auf städtischen Friedhöfen eingezogen, weil diese vernachlässigt waren. Ästhetik und Sicherheit sind dabei die Kriterien.

shz.de von
erstellt am 09.Mai.2014 | 06:38 Uhr

Wenn junge Bäume auf einem Grab Wurzeln schlagen, reicht es Jörg Hantelmann. Dann ist für den Leiter des städtischen Urnenfriedhofs in Kiel ein Punkt erreicht, an dem er entscheidet: Dieses Grab ist verwahrlost. „Dann ist dort seit zwei bis drei Jahren nichts mehr getan worden“, sagt Hantelmann. Er deutet auf eine rechteckige Fläche, von Buchsbaum eingefasst, die kaum noch als Grabstelle zu erkennen ist. Hohe Gräser überwuchern den dunklen Grabstein, dessen Inschrift man nicht mehr lesen kann. Löwenzahn hat seine gelben Köpfchen ausgebreitet. Und, ja, wer genau hinschaut, der sieht auch das junge Pflänzchen mit gezackten Blättern, die zu einer Eiche gehören. Nur – wo ist das kleine weiße Schild von der Friedhofsverwaltung, das mit der schwarzen Aufschrift „Angehörige bitte melden“? Um es zu entdecken, muss Jörg Hantelmann die Gräser erst mal zur Seite schieben.

Dieses Grab ist keine Ausnahme. Auf den städtischen Friedhöfen (Urnenfriedhof, Nordfriedhof, Ostfriedhof, Friedhöfe Russee und Meimersdorf) wurden seit Anfang des Jahres zahlreiche ungepflegte Gräber und lose Grabsteine entdeckt. Wieder einmal. Es mögen um die 50 im Jahr sein, heißt es aus der Friedhofsverwaltung. Jahrelang hat sie dem Verkommen zugesehen. Doch jetzt greift die Landeshauptstadt durch – ähnlich wie andere deutsche Städte. „Wir haben 17 Gräber eingezogen“, erklärt Dirk Reinhart, Abteilungsleiter Friedhöfe im Kieler Grünflächenamt. „Selbst nach dieser schriftlichen Benachrichtigung hört man von Hinterbliebenen gar nichts“, sagt er. Die Maßnahme sei also nicht gegen den Widerstand der Angehörigen vorgenommen worden. Dabei gibt Reinhart unumwunden zu, dass dieser Schritt rechtlich vermutlich angreifbar ist. Städte wie Krefeld und Hemmingen bei Hannover stören sich aber ebenfalls an überwuchterten Gräbern, gehen genauso streng gegen ignorante Grabnutzer vor. Sie ebnen die Flächen ein.

Die Entwicklung auf den Friedhöfen scheint ihnen recht zu geben. „Die Tendenz geht schon dahin, dass die Bindung nachlässt, die Grabstätten nicht mehr erhalten werden“, glaubt Reinhart, der als Betriebswirt und Quereinsteiger seit fünf Jahren für die städtischen Friedhöfe zuständig ist. Seebestattung, so Reinhart, nehme mehr und mehr zu. In der Landeshauptstadt würden insgesamt fast 95 Prozent der Verstorbenen kremiert. Die Stadt verwaltet auf ihren Friedhöfen etwa 35 000 Gräber, konkurriert nach Angaben von Reinhart sogar mit den kirchlichen Friedhöfen und will verstärkt für ihr eigenes Angebot werben.

Auch darum sieht Friedhofsleiter Hantelmann es wohl nicht gern, wenn Gräber verwahrlosen. Und er unterscheidet genau. So kennt er zwei Brüder, die sich nur einmal im Jahr um das Grab eines nahen Verwandten kümmern – und es jedes Mal erst mit Hilfe finden. Das ist für den Friedhofsleiter kein Grund, ein Grab einzuziehen: „Es wird ja gepflegt.“ Auch wenn das braune Herbstgesteck von Allerheiligen oder vom Totensonntag immer noch dort steht.

Doch es geht nicht nur um die Ästhetik. Um Unfälle und Schäden zu vermeiden, fordert die Friedhofsverwaltung des Grünflächenamtes die Angehörigen auf, wackelige Grabsteine fachgerecht befestigen zu lassen. Nicht genehmigte Grabsteine müssten entfernt werden. Und: Nicht standfeste Grabdenkmäler, die eine „Gefahr für die öffentliche Sicherheit auf den Friedhöfen darstellen, werden von der Friedhofsverwaltung auf Kosten der Inhaber niedergelegt“, heißt es in einer Pressemitteilung der Stadt. Er selbst möge sich gar nicht vorstellen, was passiere, wenn ein Kind unter einen der Steine gerate, sagt Friedhofsleiter Jörg Hantelmann. Beispielhaft zeigt er einen massiven Granitstein auf einem Grab, der auf einem anderen Block abgestützt wurde.

Bis ein Grab eingezogen wird, können übrigens Wochen bis Monate mit mehreren Kontaktversuchen vergehen. Bei verwahrlosten Grabstätten, die nicht umgehend in Ordnung gebracht werden, wird nach Ablauf von drei Monaten das Nutzungsrecht entzogen und das Grab kostenpflichtig abgeräumt. Da bei vielen Gräbern nicht bekannt ist, wer sich um den Erhalt und die Pflege kümmern muss, bittet die Friedhofsverwaltung Angehörige und Zuständige darum, neue Adressen oder Änderungen mitzuteilen. Vernachlässigte oder abgelaufene Gräber, bei denen kein Ansprechpartner bekannt ist, werden von der Friedhofsverwaltung allerdings „ohne weitere Nachfrage“ eingezogen.

Verzeichnisse über auslaufende Grabstätten werden vier Wochen lang auf den Friedhöfen, bei der Friedhofsverwaltung sowie im Rathaus ausgehängt und unter www.kiel.de/bekanntmachungen veröffentlicht.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert