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Rabiate Methoden : „Vermieter setzte die Tür unter Strom“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Nach unserem Bericht über ein rätselhaftes „Pastoren-Haus“ in Kiel-Russee hat sich ein ehemaliger Mieter von Thomas Göbell gemeldet. Er und seine WG-Mitbewohner wurden in den 80er Jahren von ihrem damaligen Vermieter bedroht.

Als der Strom durch seinen Körper fließt, wird der Mann ein Stück zurückgeworfen. Die Tür zum Keller ist offen. Und Thomas Göbell steht auf der Schwelle, in der Hand ein Stromkabel mit offenen Leitungen, 220 Volt. Joachim Gripp beobachtet die Szene fassungslos. Dieses Erlebnis liegt jetzt gut 30 Jahre zurück. Doch wenn Gripp an dem Haus im Kieler Stadtteil Russee vorbeifährt oder über seinen früheren Vermieter Göbell liest, dann fühlt es sich für ihn fast wieder so an, als sei das alles erst gestern gewesen, als er an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel Chemie studierte und über seiner Diplomarbeit brütete.

„Vor ca. 30 Jahren lebte ich in einer Wohngemeinschaft in Kiel-Russee“, so beginnt die E-Mail von Joachim Gripp an unsere Redaktion, nachdem er von dem alten „Pastoren-Haus“ in Russee in unserer Zeitung gelesen hatte, das verfällt. Immer wieder tauchte der Name Göbell im Zusammenhang mit der rätselhaften Geschichte dieser alten Villa auf. Ende der 80er Jahre hatten Studenten mit Hilfe des Kieler Mietervereins versucht, sich gegen die rabiaten Methoden ihres Vermieters – etwa Abschalten der Heizung – zu wehren.

Ähnliches hat Joachim Gripp, der heute an der CAU im Bereich physikalische Chemie arbeitet, mit Thomas Göbell erlebt. Das Haus, in dem Gripp wohnte, lag rund einen Kilometer von besagter Villa entfernt „und gehörte damals Göbell“, berichtet der 58-Jährige. „Es war komplett an studentische Wohngemeinschaften vermietet.“ Der Kieler bestätigt die Recherchen des sh:z: „Göbell war finanziell immer klamm und trat stets in einem Geflecht verschiedener Firmen, Vereine oder auch Pseudonyme wie Bernd Neumann auf, um juristischen Zugriff zu erschweren.“ Zudem sei der Mann nie erreichbar gewesen, „tauchte aber immer in entscheidenden Momenten rechtzeitig auf“, so der Kieler. Vier Jahre lang hatte er ab 1981 mit Göbell als Vermieter zu tun.

Anfangs sei das Verhältnis in Ordnung gewesen. Das Haus, in dem die WG gewohnt habe, sei zwar in keinem guten Zustand gewesen (siehe Fotos), doch als Student mit wenig Geld habe man das in Kauf genommen. Joachim Gripp wurde Hauptmieter. Es kam zu Problemen. „Ende 1984 drohten die Stadtwerke allen Bewohnern des Hauses damit, die Versorgung mit Strom und Gas abzuschalten“, erinnert sich Gripp. „Die entsprechenden Nebenkosten hatte Göbell zwar zusammen mit der Miete einkassiert, aber nie weitergeleitet“, lautet sein Vorwurf. „Wir verhandelten dann zusammen mit dem Mieterverein mit den Stadtwerken und zahlten monatlich einen Großteil der Miete direkt an die Stadtwerke, um den entstandenen Schuldenberg von über 10 000 D-Mark abzubauen. Dafür bekamen wir weiter Energie geliefert.“

Der Vermieter war damit „nicht einverstanden“, erinnert sich Gripp. Göbell klagte. Im März 1985 hätten die studentischen Mieter aber Recht bekommen, „Göbell verlor den Prozess in allen Punkten“ vor dem Kieler Amtsgericht, sagt Joachim Gripp. Doch damit sollte der Ärger erst richtig losgehen.

Einen Tag nach der Urteilsverkündung war in dem Kieler WG-Haus die Versorgung abgedreht. „Kein Gas, kein Wasser, gar nichts mehr“, erinnert sich Gripp, der damals 29 Jahre alt war. Über einen Anwalt besorgte sich der Chemie-Student eine einstweilige Verfügung. Innerhalb von zwei Tagen sollte Göbell alles wieder herstellen. Nichts geschah. Ein Schlosser wurde beauftragt, um den Keller-Raum hinter einer roten Stahltür, in dem sich die Leitungen befinden, zu öffnen. „An dem Tag kam Göbell und schloss sich in dem Raum ein“, berichtet Gripp. Aufforderungen, die Tür zu öffnen, ignorierte der Mann demnach. Gripp fährt fort: „Er sagte, er würde die Tür unter Strom setzen.“ Die jungen Bewohner alarmierten die Polizei. Aber auch die konnte den störrischen Vermieter nicht erweichen. Der Schlosser zückte schließlich eine Bohrmaschine, setzte sie an der Tür an. Dann kam der Stromschlag. Der Schlosser erholte sich aber schnell davon, zog Gummihandschuhe über, machte weiter – bis er vor Göbell stand. „Dass der Mann das selbst überlebt hat“, sagt Joachim Gripp und schüttelt den Kopf. „Meiner Meinung nach gehört er in die Psychiatrie.“

Nach diesem Zwischenfall suchte Joachim Gripp sich eine neue Bleibe. Doch er fragt sich noch heute, wie Thomas Göbell immer durchkam. Strafanzeigen wegen Nötigung, Einbruch oder auch Diebstahl gab es gegen ihn. Ende der 90er Jahre musste der als „kauziger Sonderling“ beschriebene Mann sich wegen eines Beil-Angriffs vor dem Kieler Landgericht verantworten. Vollzugsbeamte der Stadtkasse Kiel hatten illegalerweise das Haus der Mutter durchsucht. Professorensohn Göbell ging mit dem Beil auf die Männer los, wurde zu 18 Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt – und einem Schmerzensgeld von 200 D-Mark. Aber: Geldstrafen habe Göbell einfach nicht bezahlt, meint Gripp. „Er hat keine Instanz anerkannt, sein eigenes Recht gemacht.“

Das Haus, in dem Joachim Gripp damals wohnte, steht noch. Er hat es vor einem halben Jahr zuletzt gesehen – in einem guten Zustand. Für ihn völlig klar: „Es muss jetzt jemand anderem gehören.“

 

 

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erstellt am 18.Feb.2014 | 06:16 Uhr

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