zur Navigation springen

Prozess am Landgericht : Vergewaltigung nach Internet-Treffs?

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ein heute 33-Jähriger soll in Kiel zwei junge Frauen missbraucht haben, nach dem er sie in Chat-Foren kennengelernt hatte. Er selbst bestreitet die Vorwürfe. Der Mann gilt als sozial und psychisch auffällig, minderbegabt und ist vorbestraft.

Die Anspannung ist dem jungen Mann anzumerken. Unruhig wandert sein Blick hin und her, unter dem Tisch knetet der 33-Jährige seine Hände. Manchmal sitzt er mit gesenktem Blick und verschränkten Armen auf der Anklagebank des Kieler Landgerichts. Bisweilen wirkt Christian H. verstört und abwesend, teilweise ängstlich. Für alle Prozessbeteiligten wird der schmächtige Mann im karierten Hemd an diesem ersten Verhandlungstag wohl ein Rätsel bleiben. Denn aussagen wird er nicht. Nur eines lässt er über seinen Verteidiger mitteilen: Die ihm vorgeworfenen Taten bestreitet er „entschieden“. Christian H., geboren in Hoyerswerda und arbeitsloser Rettungssanitäter, soll im Jahr 2008 zwei junge Frauen in Kiel nach Chat-Bekanntschaften im Internet bedroht und vergewaltigt sowie beklaut haben.

Laut Anklage hat Christian H. im Alter von 26 Jahren im April 2008 eine gleichaltrige Kielerin auf der Internet-Kontaktplattform „Knuddels“ kennengelernt. Sie chatteten, trafen sich abends in der Wohnung der Frau in Kiel-Gaarden. Dort bat H. demnach das mutmaßliche Opfer um Alkohol, da er Zahnschmerzen habe. Er trank ein Glas Wodka, zog danach ein Klappmesser aus der Hose, das er der Frau an den Hals hielt. Aus Angst, auch um ihren kleinen Sohn, hat die Frau laut Anklage gehorcht. Nachdem Christian H. sich ein Kondom überzegogen hatte, „legte er sich auf sie und vollzog den Geschlechtsverkehr“, sagte die Staatsanwältin. Das Messer habe dabei auf einem Tisch gelegen. Später habe H. Geld von der Frau gefordert. Die 26-Jährige gab ihm 50 Euro, „ihr letztes Geld“ laut Anklage. Der junge Mann drohte der Frau, die Polizei zu alarmieren – er sei schon mal im Knast gewesen, sie werde dann nicht mehr froh. Einige Tage später erstattete die Kielerin dennoch Anzeige.

Im zweiten Fall chattete Christan H. wiederum mit einer 17-jährigen Kielerin. Über die Plattform „Yappi“ tauschten beide der Anklage zufolge Fotos aus, er forderte das Mädchen zu einem Treffen auf, sie lehnte ab. Doch einen Tag später, nach einem zufälligen Treff in Dietrichsdorf, war das Mädchen dann doch einverstanden, beim Angeklagten eine DVD anzuschauen. Der Angeklagte wurde aggressiv, packte sie von hinten, stieß sie mit dem Gesicht zur Rückenlehne auf ein Sofa. Die Frau wagte demnach keinen Widerstand, weil der Angeklagte ihr körperlich weit überlegen war. Auch mit der jungen Frau vollzog er laut Staatsanwaltschaft den Geschlechtsverkehr, steckte außerdem ihr Handy ein, obwohl sie es zurückverlangte.

Die angeklagten Taten liegen nun mehr als sechs Jahre zurück. Das wird im Lauf des Verfahrens noch eine Rolle spielen. Eine lange Ermittlungszeit geht der Anklage aus dem Jahr 2011 voraus. Die Ausarbeitung eines Gutachtens, eine komplett ausgelastete Strafkammer und Terminschwierigkeiten führt das Landgericht als Gründe für die Verzögerung an.

Nach dieser Zeit ist es für den Vorsitzenden Richter Jörg Brommann keine leichte Aufgabe, herauszufinden, was damals geschah. In beiden Fällen steht Aussage gegen Aussage. Deshalb versucht sich Brommann über die Angaben von Zeugen und die Aktenlage ein Bild des jungen Mannes zu machen, der schon vor Prozessbeginn ein paar Tränen vergießt, sie sich aus dem blassen Gesicht wischt.

Polizisten zufolge verstrickte sich der Mann in widersprüchliche Aussagen. Laut Aktenlage hatte er eine schwierige Kindheit und ist minderbegabt. Soziale und psychische Probleme prägten den Jungen, der Förderschulen besucht und viel Zeit in Kinderheimen, auch in geschlossenen psychiatrischen Abteilungen und Obddachlosenunterkünften verbracht hat. Unter anderem wegen körperlicher Misshandlungen, Nötigung und Betrugs wurde er bereits zu Haftstrafen auf Bewährung verurteilt, er saß eine Ungehorsamshaft in Leipzig ab. Einmal bedrohte er eine Lehrerin mit einem Schreckschussrevolver. Der Prozess wird fortgesetzt.

zur Startseite

von
erstellt am 17.Okt.2014 | 21:10 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert