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Mitnahmeverbot für E-Scooter : Vergebliches Warten auf den Bus

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Behinderte fühlen sich durch das Mitnahmeverbot von Scootern ausgegrenzt und mahnen eine schnelle Lösung an. Die Verkehrsunternehmen in der Region Kiel verweisen dagegen auf ungeklärte Haftungsfragen. Immerhin: Die KVG will eine „Übergangslösung“ vorlegen.

shz.de von
erstellt am 16.Feb.2015 | 12:44 Uhr

Die Positionen sind konträr. Behinderte wie Sandra Schönemann aus der Wik pochen auf Mitnahme in öffentlichen Bussen. Doch die Verkehrsunternehmen in der Region lehnen neuerdings den Transport der sogenannten „E-Scooter“ aus versicherungsrechtlichen Gründen ab. KVG, VKP und Autokraft berufen sich auf eine ausdrückliche Empfehlung ihres Bundesverbandes. Gestern war ein Krisentreffen im Rathaus angesetzt. Es gab noch keine echte Annäherung, die KVG kündigte aber eine „Übergangslösung“ an.

Sandra Schönemann (44) leidet an Multipler Sklerose (MS). Sie kann am Stock kurze Strecken laufen, ist für weitere Wege aber auf technische Hilfe angewiesen. Die Krankenkasse bezahlt ihr deshalb einen E-Scooter. Anrecht auf einen (teureren) Rollstuhl hat sie nicht, dafür ist sie noch zu beweglich. Das Problem für sie und ihre Leidensgenossen besteht allerdings darin, dass die Busse zwar Kinderwagen, Rollatoren und Rollstühle akzeptieren – aber keine Scooter. Für Behinderte mit diesem Gefährt bleiben die Türen verschlossen.

Joachim Schack, Geschäftsführer für den Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) im Norden, verweist auf ein Urteil aus Saarbrücken, das nach einem Unfall mit einem E-Scooter den Busfahrer in die Pflicht genommen hatte. Ein entsprechendes Gutachten belegt laut Schack, dass bei Vollbremsungen die gut 100 Kilo schweren Scooter im Bus umkippen und andere Passagieren verletzten könnten.

Das erntete Widerspruch bei den Betroffenen. Jan Schmidt (44), ebenfalls ein MS-Kranker aus Kiel, ist nach eigenen Worten seit Jahren ohne Probleme auf der Strecke nach Schilksee unterwegs. „Was ist mit ungesicherten Koffern, Gehwagen und Taschen?“, hakte er nach. Und Sandra Schönemann griff die Vertreter der Verkehrsunternehmen frontal an: „Sie wollen doch nur die Behinderten aussperren!“

Diesen Vorwurf wiesen KVG-Geschäftsführer Andreas Schulz und sein Betriebsleiter Thomas Mau strikt zurück. Man habe in den letzten Jahren komplett auf niederflurige Busse umgestellt, einen zweiten Rollstuhlplatz in den Bussen eingerichtet, die Bordsteine an den Haltestellen erhöht und damit das Einsteigen erleichert. „Wir versuchen alles“, betonten die KVG-Vertreter. Unter Zustimmung ihrer Kollegen von VKP und Autokraft fügten sie hinzu: „Es geht uns allein um die Gefährdung von Fahrgästen. Wir sind für die Sicherheit aller Passagiere verantwortlich.“

Für den Sozialverband wies allerdings ihr Landesvorsitzender Sven Picker darauf hin, dass Betriebe wie in Kassel oder Bremen Regelungen für die Mitnahme von Scootern gefunden haben. Auch in Hamburg werden diese Hilfsfahrzeuge einstweilen noch transportiert. Eckehard Raupach, Vorsitzender im städtischen Beirat für Menschen mit Behinderungen, mahnt die Betriebe in Kiel zum schnellen Handeln und erinnert an die „Öffentliche Teilhabeplanung“. Dieses Papier, von der Ratsversammlung einstimmig gebilligt, sichert benachteiligten Menschen volle Akzeptanz im öffentlichen Leben zu.

Angesichts der Misere hat die Vineta Verkehrsgesellschaft für 14 Tage den kostenlosen Transport von E-Scootern zugesagt – bei Anmeldung am Vortag. Diese Zeit will die KVG nutzen, um den Betroffenen eine unbefristete Übergangslösung anzubieten. Möglicherweise mit Taxi-Gutscheinen. Doch im Prinzip sind sich alle Beteiligten trotz kontroverser Haltung einig: Benötigt wird eine verlässliche bundesweite Lösung.

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