Verbot für Wildtiere im Zirkus gefordert

Ausflug vorbei:  Zirkusdirektor Mario Sperlich im Kamel-Zelt.
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Ausflug vorbei: Zirkusdirektor Mario Sperlich im Kamel-Zelt.

Kamel-Einsatz in Gaarden bekräftigt Kommunalpolitiker und Tierrechtler in ihrer Meinung / Zirkus-Chef: „Unsere Tiere sind Familienmitglieder“

shz.de von
20. Januar 2015, 06:03 Uhr

Im Internet kursiert bereits ein Video: Blaulicht, Sirenen und eine Gruppe von Kamelen, die orientierungslos durch das dunkle Gaarden galoppieren. Nur dank der Hilfe von vier Polizisten konnten die sieben Tiere nach rund 20 Minuten „eingekesselt“ werden, wie ein Polizeisprecher gestern mitteilte. Weitere Beamte sperrten Straßen am Kieler Ostufer ab und informierten den Zirkus „Werona“, aus dem die Tiere stammen. Unklar ist, wie die Kamele freikamen. Der Vorfall vom vergangenen Wochenende (wir berichteten) kommt lokalen Tierrechtlern wie gerufen. Sie wollen am 5. Februar gegen den Zirkus am Germaniahafen protestieren. Die Kieler Kommunalpolitik wird möglicherweise bereits am Donnerstag im Rathaus darauf eingehen. Denn dann tagt die Ratsversammlung – und die soll sich nach dem Willen der Fraktionen von SPD, Grünen und SSW gegen die Haltung von Wildtieren in Zirkussen und Tierschauen aussprechen.

Den Antrag hatten die Fraktionen einvernehmlich auf Initiative der Kreismitgliederversammlung der Grünen schon vor Monaten beschlossen. Doch die Haushaltsdebatten im Herbst kamen dazwischen. Das Ziel: Oberbürgermeister Ulf Kämpfer soll prüfen, ob es möglich ist, in Kiel zukünftig keine Genehmigungen für Platzrechte mehr an Zirkusse mit Wildtieren zu erteilen. Eine einheitliche Liste gibt es nicht. Oft werden Löwen, Tiger, Elefanten, Menschenaffen, Giraffen, Zebras, Flusspferde oder Nashörner genannt. Die rot-grün-blaue Kooperation hat die Mehrheit im Rat, wird mit ihrem Antrag mit hoher Wahrscheinlichkeit durchkommen.

Häufige Standortwechsel, Transporte, kleine Gehege, Zirkusbetrieb, Stadtlärm: Die Debatte über artgerechten Umgang mit Wildtieren in Zirkussen gibt es in vielen Städten bundesweit. So werden etwa in Köln, Schwerin oder Potsdam keine städtischen Flächen mehr an Zirkusbetriebe mit Wildtieren vergeben. „Veterinäre überprüfen die Tierhaltungen ja immer wieder, nie gibt es Beanstandungen. Dennoch waren wir unglücklich“, sagt der Fraktionsgeschäftsführer der Grünen, Michael Schlickwei, zur Begründung. Oft gehe es um kleine Zirkusse, „in denen es Tieren nicht so gut geht“, betont Schlickwei.

Falls ein Verbot rechtlich nicht möglich sein sollte, möchte die Kooperation „die Aufenthaltsgenehmigung auf Plätze mit ausreichendem Abstand zu stark befahrenen Straßen und zu weiteren Stressfaktoren beschränken“. Der Zirkus als Kulturgut könne auch ohne Wildtiere attraktive Unterhaltung bieten, finden die Kommunalpolitiker. Ihr Vorschlag: stärker auf Akrobatik und menschlichen Witz setzen.

Mario Sperlich ist Direktor des Zirkus „Werona“, der bis zum 8. Februar am Germaniahafen gastiert. Das Programm besteht auch aus Akrobatik und Clownerie, doch Tiere gehören für ihn selbstverständlich dazu: „Wir leben von und mit unseren 50 Tieren. Sie gehören zur Familie.“ Neben elf Kamelen treten Pferde und Ziegen auf. Die Kamele laufen in der Manege im Kreis, drehen Pirouetten, legen sich auch mal hin. Am Tag nach dem Ausflug stehen die sieben Ausreißer wieder brav im Zelt, hinter einem Elektro-Draht, und kauen auf Stroh: Laika, Maja, Bill, Lona, Ann-Charlie, Ronja und Bianca. Aus Sicht von Sperlich sind seine sibirischen Steppenkamele übrigens keine Wildtiere, sondern Haustiere. Er lässt sich von Vorstößen wie im Kieler Rathaus daher nicht verunsichern, sondern wartet auf eine bundesweite Regelung.

Bis dahin wird Annelie Wulff weiterhin mit ihrer Kieler Hochschschulgruppe für Tierrechte gegen Zirkusse protestieren, die mit Tieren reisen. Denn genau das lehnt die Gruppe ab: „Tiere gehören nicht in den Zurkus“, sagt Annelie Wulff. Am 5. Februar (15 Uhr) wollen die Aktivisten Zirkusgäste davon überzeugen, in Zukunft auf den Besuch zu verzichten.

Bereits an diesem Donnerstag wird die Gruppe vor dem Rathaus demonstrieren. Um 15.30 Uhr will sie „den Ratsfrauen und -herren zeigen, dass die Kieler Bevölkerung nicht länger Zirkusse mit Wildtieren unterstützen will!“, heißt es in einem Aufruf auf Facebook. Die Mahnwache, so Annelie Wulff, habe sie auf Wunsch eines Ratsherren organisiert: SPD-Fraktionsvize Benjamin Raschke habe sie um eine Kooperation gebeten.

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