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Kiel : Vater: Missbrauchtes Mädchen musste notopertiert werden

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Nach dem schockierenden Kieler Missbrauchsfall untersuchen die Behörden mögliche Versäumnisse. Kiels Sozialdezernent hat bereits welche eingeräumt. Der Vater des Opfers meldet sich zu Wort.

shz.de von
erstellt am 05.Feb.2016 | 14:53 Uhr

Kiel | Versäumnisse, Absprachefehler: Nach dem Missbrauch an zwei kleinen Mädchen in Kiel stehen die Kommunikationsstrukturen der Behörden auf dem Prüfstand. Die leitende Oberstaatsanwältin Birgit Heß lud Sozialdezernent Gerwin Stöcken und den Leiter der Polizeidirektion Kiel, Thomas Bauchrowitz, für kommenden Mittwoch zu einem Gespräch ein. „Kommunikationsprobleme darf es - gerade in diesem sensiblen Deliktbereich - zwischen den beteiligten Behörden nicht geben“, sagte Heß. Bereits am Donnerstag hatte Stöcken Versäumnisse in dem Fall eingeräumt.

Hintergrund ist der schwere sexuelle Missbrauch an zwei kleinen Mädchen im Kieler Stadtteil Gaarden. Zunächst wurde Anfang Januar eine Fünfjährige in einem Kieler Kindergarten missbraucht. Der mutmaßliche Täter wurde damals nicht festgenommen. Erst als er am Sonntag erneut eine Siebenjährige missbrauchte, wurde Haftbefehl erlassen.

Nachdem sich zuvor bereits die Mutter des Tatverdächtigen beklagt hatte, mehrfach vergeblich um Hilfe wegen ihres psychisch kranken Sohnes gebeten zu haben, meldete sich nun der Vater der Siebenjährigen zu Wort. „Warum hat man den Mann nicht schon nach der ersten Tat eingesperrt“, sagte er der Hamburger „Morgenpost“. Die Siebenjährige habe bei dem Übergriff schwere Wunden davongetragen. Es habe eine Notoperation gegeben. Der Tatverdächtige sei seit Jahren Nachbar der Familie, „unsere Kinder haben zusammen im Sandkasten gespielt“.

Auch der Kriminologe Christian Pfeiffer aus Hannover kritisiert das Vorgehen der Kieler Behörden. Vieles deute daraufhin, dass der Tatverdächtige „völlig von der Rolle war“, sagte er gegenüber shz.de. Deshalb hätten Polizei und Staatsanwaltschaft für die Frage einer Wiederholungsgefahr zwingend einen Psychiater hinzuziehen müssen. „Jemand, der Jurist ist, kann das in diesem Fall nicht entscheiden, dafür gibt es Fachleute.“ Das eigentliche Problem in dem Fall sei, das dies nicht erfolgte.

Christian Pfeiffer.
Christian Pfeiffer.
 

Nach Ansicht Pfeiffers spricht vieles dafür, dass der Mann „seine verpfuschte Lebenssituation erkannt hat und alles darauf angelegte, erwischt zu werden“. So habe er keine Anstalten gemacht, die Tat zu vertuschen und habe das Mädchen einfach gehen lassen, obwohl es vom Alter her Angaben über Ort und Hergang der Tat machen konnte. „Insofern ist zum Glück in Kiel jetzt kein Sexualmord zu beklagen.“ Sozialdezernent Stöcken hatte den zweiten Fall bereits am Donnerstag zutiefst bedauert. „Wir hätten dem Mädchen eine ganz schwere Erfahrung ersparen können“, sagte Stöcken. Bereits am 18. Januar - knapp zwei Wochen vor dem Übergriff auf die Siebenjährige - hätte die Stadt demnach von dem Tatverdacht gegen den 30-Jährigen im Fall des Übergriffs auf eine Fünfjährige in einem Gaardener Kindergarten erfahren. Sozialpsychiatrischer Dienst, Polizei und Staatsanwaltschaft hätten allesamt handeln können. „An der Stelle wäre eine Ausfahrt gewesen, die alle hätten nehmen können.“ Der Mann blieb aber bis Montag auf freiem Fuß. Seit Dienstag sitzt er in Untersuchungshaft.

Nach Angaben der Kieler Staatsanwaltschaft hätte die Mutter des Tatverdächtigen gegenüber der Polizei vor der zweiten Tat keine Angaben zu einer möglichen Gefährdung gemacht. Anhaltspunkte für die Gefahr möglicher weiterer Straftaten habe es nicht gegeben. Obwohl der Mann bereits nach dem ersten schockierenden Missbrauchsfall unter Tatverdacht stand, sah die Staatsanwaltschaft keine rechtliche Grundlage für einen Strafbefehl.

 

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