Kiel : Uni-Projekt für Blinde: Inklusion auf der Piste

Intensive Erfahrung in der Gruppe: Niels Luithardt (2.v.l.) war als einer von  14 Blinden in Norwegen dabei.
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Intensive Erfahrung in der Gruppe: Niels Luithardt (2.v.l.) war als einer von 14 Blinden in Norwegen dabei.

14 blinde Teilnehmer fuhren in den Bergen Norwegens Ski. Der Kieler Mathe- und Physik-Student Niels Luithardt (30) war einer von ihnen. Eine intensive Erfahrung.

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08. Juli 2014, 06:13 Uhr

Auch wenn jetzt im Sommer die Erinnerung an eisige Kälte und pulverigen Schnee etwas abgeschmolzen sein mag – die Erfahrungen, die Niels Luithardt vor einigen Wochen in den Bergen Norwegens gesammelt hat, haben einen tiefen Eindruck in ihm hinterlassen, der nachwirkt. Er hat Selbstvertrauen gewonnen – und eine Erkenntnis. Dazu später mehr.

Der Kieler leidet an einer angeborenen Viruserkrankung, die schleichend zum Verlust der Sehkraft geführt hat. Schon zu Schulzeiten musste er mit der Hilfe von Lupen lesen und lernen. Inzwischen ist er 30 Jahre alt und erblindet, kann lediglich Tag und Nacht unterscheiden. „Es ist Fluch und Segen zugleich, dass ich früher sehen konnte“, erzählt Niels Luithardt. „Ich weiß, wie ein schöner Sonnenuntergang aussieht und wie Schnee auf einem Baum – wie Zucker, dieses Magische.“

Die Erblindung ist ein schweres Los, das den Mathe- und Physik-Studenten in seiner Lebensgestaltung und den beruflichen Entfaltungsmöglichkeiten stark einschränkt. So studiert er seit 20 Semestern auf Diplom, wurde durch Operationen aber immer wieder aus dem Uni-Alltag katapultiert. Konnte Vorlesungen nicht folgen. Auf die Hilfe von Studien-Assistenten ist er angewiesen – doch auch die wechseln. „Ich bin der einzige Blinde an der Uni – den Eindruck habe ich manchmal“, sagt Luithardt, der von Mängeln in der Barrierefreiheit spricht – aber auch davon, dass das Thema Inklusion an der Kieler Universität mehr an Bedeutung gewinne.

Um so mehr hat es den jungen Mann gereizt, an einem jungen Projekt teilzunehmen, das ihn im Frühjahr zusammen mit 13 weiteren blinden Teilnehmern aus dem gesamten Bundesgebiet für einen einwöchigen Skikursus in die Berge Norwegens geführt hat.

Es geht um das Projekt „Snow & Eyes“ der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) und der Skischule Kiel. Im vergangenen Jahr fand es zum ersten Mal statt (wir berichteten) und hatte nun bereits dreimal so viele Teilnehmer. Begleitet wurde die Gruppe von erfahrenen Skilehrern, darunter auch neun Sportstudierende der CAU. Gemeinsam unterrichtete dieses Team die Ski-Anfänger und erforschte mit ihnen auch neue Inklusionskonzepte.

Blind auf Skibrettern über die Piste, Schritt für Schritt ein Stück mehr Freiheit schmecken: Niels Luithardt schwärmt noch immer: „Sich auf Skiern zu halten, zu gleiten – ich hatte keinen Gedanken daran, dass etwas passieren könnte. Ein geiles Gefühl!“ Natürlich hatte er auch Probleme: Gleichgewichts-Störungen und Stürze gehörten dazu. Aber mit jeder Herausforderung wuchs sein Selbstvertrauen. Erst fuhr er an der Hand des Lehrers, dann mit Hilfe eines Holzstabs. Am Ende glitt Luithardt frei über den Schnee. Seine Lebensphilosophie hat sich bestätigt: Nicht frustrieren lassen, im Studium und auch im Sport: „Kleine Ziele sind das Erfolgsrezept.“

Auch die CAU profitiert von den Erfahrungen in Norwegen, kann daraus Anregungen für die Lehramtsausbildung ziehen – auch im Hinblick auf Inklusion. Denn Inklusion, so eine der Schlussfolgerungen, „ergibt sich nicht automatisch, sondern muss geplant werden“, sagt der Sportwissenschaftler Andreas Märzhäuser.

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