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Hausbesuch : Ulf Kämpfer: „Ein fröhliches Herz“

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Er ist ein Ruhepol mit überraschenden Facetten: Der Oberbürgermeister-Kandidat (41) von SPD, Grünen und SSW lebt mit seiner Familie in einer Öko-Siedlung am Stadtrand von Kiel. Ohne Fernseher, aber mit langer Holzbank für gesellige Abende unter Freunden.

Am Ende bricht dann doch Hektik aus. Sohn Johann will seinen Fahrradhelm nicht aufsetzen. Die Ehefrau muss irgendwie zum Hauptbahnhof kommen. Sie hat einen Termin in Schleswig – und die Familie kein Auto. Und Ulf Kämpfer, was macht der? Der zieht einfach nur seine Jacke an, lässt die Hektik wie Regentropfen an sich abperlen. Er wird seinen Sohn, acht Jahre alt, gleich mit dem Rad zur Theater-AG in der Schule begleiten. Johann hat irgendwann den Helm auf dem Kopf. Seine Frau hat eine Mitfahrgelegenheit gefunden. „Wann kommst du nach Hause?“, ruft Anke Erdmann ihrem Mann zum Abschied zu. Ulf Kämpfer hat noch einiges auf seiner Liste für diesen Tag: „Wird spät werden.“

Ulf Kämpfer (SPD), 41 Jahre alt, will Oberbürgermeister in Kiel werden, für die SPD, die Grünen und den SSW. Der Mann hat sich sechs Wochen Auszeit von seiner Aufgabe als Staatssekretär im Umwelt- und Energiewendeministerium genommen, denn am 23. März wird gewählt. Aber Urlaub kann man das Programm nicht nennen, das der 41-Jährige jetzt stramm durchzieht: Wahlkampf. Er hat seine ersten Hausbesuche gemacht: „200 Türen in zwei Tagen.“ Eine ganz neue Erfahrung: „Es kitzelt Seiten von mir heraus, die ich vorher nicht so zeigen musste.“ Am Nachmittag ist Kämpfer beim Jahresempfang der Muthesius Kunsthochschule. Abends steht eine Diskussionsrunde mit seinem wichtigsten Konkurrenten um das OB-Amt, Stefan Kruber (CDU), an. Und zwischendurch der Besuch der Zeitung.

Zwei Stunden im Hause Kämpfer also, um den Kandidaten und seine Familie besser kennenzulernen. Anke Erdmann kocht Teewasser, reicht Hanf-Dinkel-Kuchen. Ulf Kämpfer gießt auf. Und, ja: Der Mann, auf den ersten Blick der zurückhaltende Ruhepol der Familie, bietet Überraschungen.

Es ist nicht das Holzhaus ohne Fernseher und mit Kompost-WC auf einem Erbpachtgrundstück in der Öko-Siedlung „Kieler Scholle“ – gelebte Nachhaltigkeit, die seine Frau, für die Grünen im Landtag, ins gemeinsame Leben bringt. Das Paar zog vor vier Jahren spontan an den Kieler Stadtrand. In ihre Küche mit langer Bank laden sie gern Freunde und Bekannte ein, auch einige Minister aus dem Kieler Kabinett waren schon da.

Es ist auch nicht das Engagement für den Verein zur Förderung politischen Handelns. Ulf Kämpfers überparteiliche politische Haltung wurde dadurch schon als Schüler geprägt. „Acht Tage Demokratie“ hieß das Seminar, das ihn so beeindruckte, dass er danach selbst Referent und Leiter wurde. Heute will er etwas von den Botschaften, die er vermittelt hat, mit Leben füllen. Auch darum stellt er sich dem Straßenwahlkampf, Abenden mit Grünkohlessen, den Sitzungen der Ortsbeiräte. Denn bisher musste Ulf Kämpfer „noch keinen Parteitag rocken“, wie er sagt. Er sei ein politischer Beamter, und fügt hinzu: „Ich habe mich bisher nicht als Politiker empfunden“. Kämpfer ist zwar SPD-Mitglied, bisher aber nicht als ausgewiesener Parteipolitiker hervorgetreten.

Das, was an Ulf Kämpfer überrascht, ist zum Beispiel ein Foto. Es stammt aus dem privaten Familien-Album, zeigt ihn in Aktion, mit nacktem Oberkörper. Er spuckt Feuer. Er kann auch jonglieren – Relikte aus seiner Zivildienstzeit in Mettenhof. Noch heute macht er das bei Hochzeiten von Freunden. Diese Hobbys zeigen die farbigen Facetten des Mannes im dunkelblauen Pullover, der seiner quirligen Frau mit dem bunten Kleid im Gespräch gern das erste Wort überlässt.

Dieser Gegensatz ist es ganz offensichtlich, der die Beziehung zu seiner Frau auch nach 20 Jahren nicht langweilig werden lässt. Sie lernten sich in einem Studentenwohnheim in Göttingen kennen, beide 21 Jahre alt, beide im Studentenparlament aktiv. Er für die Jusos, sie für die Grünen-Studentengruppe. Ulf Kämpfer saß im Garten, Anke Erdmann kam dazu. Er fiel ihr auf. „Ein Jurastudent, der grobe gewebte Stoffe im Gandhi-Style trug“, erinnert sie sich. „Das war nicht alltäglich.“

Auch das überrascht an Ulf Kämpfer. Er war nach seinem Zivildienst einige Monate durch Indien gereist. Das Land hatte ihn schon als Kind fasziniert. Die Verfilmung des Lebens von Mahatma Gandhi war der erste Film, den Kämpfer allein im Kino in Plön gesehen hat. Er war damals zehn Jahre alt. Seitdem ließ ihn der Mann nicht mehr los. „Den Film haben wir auch schon zusammen geguckt!“, ruft Sohn Johann, der bisher still am Tisch Kekse geknabbert hat. Ein Friedensstifter als Vorbild für den sanften Kämpfer – abwegig ist das nicht.

Seine Frau, die früher Ratsmitglied in Kiel war, bevor sie in den Landtag einzog, findet es bemerkenswert, dass die Wahl der Findungskommission auf ihren Mann fiel: „Jemand, der so ein ruhiger, abwägender Kopf ist – davon war ich wirklich angetan.“ Sätze wie dieser können Ulf Kämpfer erröten lassen. „So viel Wertschätzung ist natürlich toll, nach diesem Kladderadatsch“, sagt Kämpfer, und spielt auf den „Steuer-Deal“ von Susanne Gaschke an, durch den die SPD-Frau im Herbst ihr Oberbürgermeister-Amt in Kiel verlor.

Und nun soll es ein Mann der leisen Töne werden, einer, der sich selbst eine gewisse Unabhängigkeit, Gelassenheit und Weitsicht bescheinigt. Einer, der vom Kinderbuch „Der kleine Wassermann“ von Otfried Preußler schwärmt – und einem wichtigen Satz, mit dem er groß wurde: „Junge, ein fröhliches Herz sollst du haben!“ Einer, der schon als Richter zwischen zerstrittenen Familienmitgliedern vermittelt, der im Ministerium große Verwaltungs-Erfahrung gesammelt hat. Und der gerade aus dieser Kombination seine Zuversicht zieht, das OB-Amt tragen zu können.

Anke Erdmann jedenfalls bescheinigt ihrem Mann diese friedensstiftende Fähigkeit auch in privaten Konflikten. Und zanken, das können die beiden durchaus. Sie sagt: „Mein Mann ist in Gedanken oft woanders.“ Ulf Kämpfer unterbricht sie: „Manchmal, nicht oft.“ Mit dieser Gedankenverlorenheit, weiß er aber, „bringe ich dich manchmal zur Weißglut“, sagt Kämpfer und blickt seine Frau ergeben an. Sie nickt. „Er ist ein Mann des richtigen Tons. Er kann Leute zusammen bringen.“

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erstellt am 17.Feb.2014 | 15:42 Uhr

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