Gefährliche Keime in Kiel : UKSH-Chef: Weitere Patienten könnten sterben

Gefährliche Keime an der Uniklinik in Kiel: Fünf Menschen starben, einer von ihnen soll erst 14 Jahre alt gewesen sein. Noch bei 14 Patienten ist der Keim nachgewiesen.

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24. Januar 2015, 12:17 Uhr

Kiel | Der Chef des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH), Jens Scholz, schließt nicht aus, dass noch weitere mit einem multiresistenten Keim befallene Patienten im UKSH in Kiel sterben. Allerdings müsste dies nicht eine Folge des Keims sein, sondern der ohnehin sehr schweren Erkrankungen der Patienten, sagte Scholz am Freitag im NDR Fernsehen. Seit Dezember starben fünf Patienten im UKSH in Kiel, bei denen der gegen praktisch alle Antibiotika resistente Keim Acinetobacter baumannii nachgewiesen wurde.

UKSH-Sprecher Oliver Grieve konnte am Samstag nicht sagen, ob inzwischen weitere Patienten gestorben sind oder die Zahl der Keimträger gestiegen ist. Aktuell ist bei 14 Patienten der Keim nachgewiesen worden.

Der Jüngste soll ein 14-Jähriger sein, berichtete das NDR Fernsehen am Freitagabend unter Berufung auf die Klinik. UKSH-Sprecher Oliver Grieve machte am Samstag keine Angaben zur Altersspanne der vom Keim Befallenen oder Infizierten. Die Altersgruppe der Gestorbenen reiche von „jung bis alt“, sagte Grieve der Deutschen Presse-Agentur. Zum genauen Alter machte er auch hier keine Angaben, am Vortag hatte er eine Alterspanne von 25 bis 80 Jahren genannt.

Eugen Brysch von der Deutschen Stiftung Patientenschutz mit Sitz in Dortmund kritisierte UKSH-Chef Scholz. Dessen Differenzierung der Todesursache durch Erkrankung und/oder (mit-)verursacht durch die gefährliche Bakterie sei ein Versuch, die Folgen der erstmaligen Ausbreitung des Keims im UKSH zu verharmlosen. „Ich finde diese Relativierung entsetzlich“, sagte er am Samstag der Deutschen Presse-Agentur. Damit solle Verantwortung weggeschoben werden.

Nach Auffassung der Gesundheitsbehörde der Stadt Kiel hat das UKSH seit der Ausbreitung der Bakterien korrekt gehandelt. Dies gelte für das vorgeschriebene rechtzeitige Informieren des Gesundheitsamtes, sobald Keime gehäuft auftreten als auch für die getroffenen Vorsichts- und Hygienemaßnahmen, sagte die zuständige Sprecherin der Stadt, Annette Wiese-Krukowska, am Samstag der Deutschen Presse-Agentur.

Das UKSH habe das Gesundheitsamt Heiligabend informiert. „Zu diesem Zeitpunkt waren insgesamt vier Patienten betroffen. Damit lag eine frühzeitige und zeitnahe Information des zuständigen Gesundheitsamtes vor.“ Die Meldungskette sei eingehalten worden, hatte bereits Staatsekretär Rolf Fischer am Freitag betont. Das Gesundheitsministerium erfuhr erst am Freitag von den Vorfällen. „Das Ministerium ist nicht Teil der Meldekette“, erläuterte Fischer.

Die Gesamtzahl der Patienten, bei denen am UKSH seit Dezember die gefährliche Bakterie nachgewiesen wurde, ist weiterhin unklar. Klinikchef Scholz hatte am Freitag gesagt, es seien mehr als 19, also mehr als die 14 aktuellen Fälle plus die fünf gestorbenen Patienten.

Bärbel Christiansen, verantwortliche Hygiene-Ärztin am UKSH, hatte versichert, die Hygienemaßnahmen seien vorschriftsmäßig erfolgt und es sei auch genügend Personal eingesetzt worden. Mit einem umfassenden Screening werde nach weiteren möglichen Keimträgern gesucht. Ergebnisse dieser Screenings lagen Grieve am Samstag noch nicht vor.

Die Acinetobacter-Keime kommen im Wasser und in der Erde vor, für den Menschen sind sie normalerweise nicht gefährlich. Bei immungeschwächten Menschen können sie aber Lungenentzündungen, Wundinfektionen und Blutvergiftungen verursachen. Handelt es sich um multiresistente Formen, ist die Behandlung erheblich erschwert, weil nur noch wenige Mittel überhaupt gegen die Infektion helfen.

Die internistische Intensivstation der Kieler Klinik ist seit Freitag für Neuaufnahmen „bis auf weiteres“ geschlossen. Eine von insgesamt drei Einheiten der operativen Intensivstation wurde isoliert, um die dort liegenden Infizierten gesund zu pflegen. Die Stationen sollen für Neuaufnahmen geschlossen bleiben, bis die dortigen Patienten entlassen werden können.

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