zur Navigation springen

Streit in Kiel-Gaarden : Überfüllung im Kirchenweg: Wo 140 Menschen in 44 Zimmern leben

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Stadt Kiel kündigt Schritte gegen die Überbelegung im Haus der Sinti und Roma an. Der Vermieter wehrt sich: „Wo sollen die Menschen denn hin?“

shz.de von
erstellt am 07.Aug.2015 | 06:13 Uhr

Kiel | Kirchenweg in Kiel, vor dem Haus Nummer 34. Erik Währum steigt aus seinem Wagen, holt Dokumente und einen ganzen Aktenordner hervor. Er hat sich vorbereitet. Gar nicht vorbereitet ist er auf den jungen Mann, der angeradelt kommt und in gebrochenem Deutsch von seiner Cousine in Bulgarien erzählt. Er sagt: „Hey Chef, sie braucht eine Wohnung.“ Er nickt in Richtung des Hauses mit der Nummer 34. Erik Währum schüttelt nur den Kopf. „Wir vermieten dort keine Zimmer mehr.“

Der Geschäftsführer der Kieler Hausverwaltung GF Consulting ist seit dem Frühjahr zuständig für das fünfstöckige Mehrfamilienhaus, das immer wieder für Schlagzeilen sorgt. In dem Gebäude aus dem Jahr 1920 leben seit Jahren viele Roma-Familien aus Bulgarien, sie leben zu dritt oder viert in den 44 Zimmern, jedes ist einzeln vermietet. Nach Angaben des Einwohnermeldeamtes sind aktuell 140 Personen an dieser Adresse gemeldet. Das führt zu Problemen. Das Haus ist verdreckt und zugestellt, auf der Straße ist es nachts laut, vor dem Haus stapelt sich Sperrmüll. Die Zustände sind der Stadtverwaltung lange bekannt. Am Donnerstag nun kündigte sie an, gegen die „rechtswidrige Überbelegung“ vorzugehen.

„Viele Kielerinnen und Kieler aus dem Stadtteil Gaarden haben bereits ihr Unverständnis über die Wohnverhältnisse im Haus Kirchenweg 34 geäußert“, hieß es in einer Pressemitteilung. So hatte sich etwa die Interessengemeinschaft Wohnwert mit einer Petition an die Verwaltung gerichtet, ordnungsrechtliche Maßnahmen einzuleiten. Die Initiative geht von Haus & Grund in Kiel aus, mehrere Gaardener Hauseigentümer haben sich darin zusammengetan. Sie fordern die Verwaltung auch dazu auf, die Vermietungsbedingungen nicht länger zu dulden.

Die Konditionen sind nach Angaben der Stadt „grundsätzlich zulässig“. Allerdings „wurden bei einer Begehung im Juli durch mehrere Fachämter diverse bauliche Mängel festgestellt“. Etwa beim Brandschutz. Dies und die Überbelegung sehen Stadtverwaltung und Oberbürgermeister Ulf Kämpfer als nicht „hinnehmbare Zustände“ an, die die gesunden Wohnverhältnisse gefährden“. Auf der Grundlage von Paragraph 59 der Landesbauordnung habe Stadtbaurat Peter Todeskino daher den Hauseigentümer aufgefordert, die Mängel zu beseitigen und die Zahl der Bewohnerinnen und Bewohner des Hauses auf 40 zu senken. Er ordnete zudem die sofortige Vollziehung der bauaufsichtlichen Anordnung an, die der Vermieter nun bis zum 15. September umsetzen muss. Kämpfer fügte hinzu: „Es wird höchste Zeit, dass wir gegen diese Überbelegung vorgehen und den Vermieter zur Verantwortung ziehen.“

Und da kommt Erik Währum wieder ins Spiel. „Dass die Situation nicht akzeptabel ist, ist uns bewusst“, sagt der Hausverwalter. „Wir haben aber schon viel gemacht.“ So seien bereits 50.000 Euro investiert worden – etwa in Briefkästen, Hausflur-Beleuchtung oder in den Hinterhof. Währum erhielt in den vergangenen Wochen mehrere Schreiben der Stadtverwaltung, in denen er zur Beseitigung diverser Mängel aufgefordert wurde. Einiges sei bereits abgearbeitet, anderes noch Sache des vorherigen Hauseigentümers, sagt er.

Eine positive Veränderung bestätigt Student Serdar Külahlioglu, der in einem Sozialprojekt einen Garten am Haus betreut und die Entwicklung „kritisch verfolgt“, wie er betont: „Die vorherigen Vermieter haben gar nichts gemacht. Jetzt ist für die Mieter Strom und fließend Wasser gewährleistet.“ Es gebe erste Renovierungen, „aber das geht eben nur Stück für Stück“.

Doch der Stadt geht es nicht schnell genug. Per Einschreiben erhielt Währum Donnerstag die neuen Anordnungen, ohne Widerspruchsfrist. Er ist genervt. In seinen Augen ist die Causa Kirchenweg „ein reines Politikum“. Sein Vorwurf: „Die Stadt windet sich aus der Verantwortung.“ Er kündigt rechtliche Schritte an und fragt: „Wo sollen die Menschen denn hin?“

Bis Mitte September, so die Antwort aus dem Rathaus, müsse die Übergangszeit reichen, um Beherbungsverträge zu kündigen und Ersatzräume zu finden: „In erster Linie ist Selbsthilfe gefragt“, teilt ein Sprecher mit. „In Notfällen werden wir uns (...) selbstverständlich um Unterbringungsmöglichkeiten kümmern.“

Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen