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Von Betroffenen lernen : Tschernobyl-Zeitzeugen zu Gast im Kieler Rathaus

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Nikolaj Bondar und Yauheniya Filomenka haben nach der Katastrophe in Tschernobyl vor 31 Jahren geholfen, Menschen zu evakuieren oder Brände zu löschen. Dadurch haben sie womöglich Schlimmeres verhindert, aber ihre eigene Gesundheit aufs Spiel gesetzt.

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erstellt am 26.Apr.2017 | 18:46 Uhr

„Es ist unsere Pflicht gewesen, unser eigenes Leben für das vieler zu opfern“, sagt Nikolaj Bondar. Vor 31 Jahren, am 26. April 1986, war der junge Soldat einer der Ersten im zerstörten Block Vier des Atomkraftwerks Tschernobyl – dort, wo eine der größten Katastrophen ihren Anfang nahm.

Nikolaj Bondar und Yauheniya Filomenka gehören zu den so genannten Liquidatoren des Reaktorunglücks – den Helfern im hochverstrahlten Tschernobyl unmittelbar nach dem GAU. Gestern trafen sie Stadtpräsident Hans-Werner Tovar zum Gespräch. „Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie Ihre Erfahrungen dieser Katastrophe mit uns und unseren Schülern teilen“, erklärte der Stadtpräsident. Denn gemeinsam mit der Heinrich-Böll-Stiftung besuchen die beiden Zeitzeugen während der aktuellen Europäischen Aktionswoche „Für eine Zukunft nach Tschernobyl und Fukushima“ Schulen in Schleswig-Holstein. Dort erzählen sie, wie das Reaktor-Unglück ihr Leben und das ihrer Familien verändert hat. Yauheniya Filomenka (60) lebte mit ihrer Familie in der Nähe des Reaktors, als es zum dem Unglück kam. Nachdem ihre drei Kinder gemeinsam mit der Großmutter evakuiert worden waren, half die junge Frau in der Zone um Tschernobyl bei der Umsiedlung der Dorfbewohner, kochte und wusch für die übrigen Liquidatoren zwei Jahre lang. Erst 1991 wurde ihr die Umsiedlung gestattet.

Als Soldat des Bataillons für Sonderschutz war Nikolaj Bondar vom 28. April bis zum 9. Mai 1986 in Tschernobyl im Einsatz: „Ich wusste damals nicht, wohin wir fahren und warum.“ Er löschte Brände, pumpte verstrahltes Wasser aus dem Innenraum des Reaktors und half dabei, diesen einzumauern.

Was die Katastrophe mit ihrer eigenen Gesundheit und der ihrer Kinder gemacht hat, darüber sprechen Yauheniya Filomenka und Nikolaj Bondar nicht gern. Doch eines wird im Gespräch deutlich: Auch die Kinder und Kindeskinder Tschernobyls leiden noch heute gesundheitlich unter den Folgen des Unglücks. Auf die Frage, ob die hohe Strahlenbelastung Spuren bei ihm hinterlassen habe, antwortet Nikolaj Bondar lächelnd: „Ich bin fast gesund.“ Seit seinem Einsatz in Tschernobyl ist Nikolaj Bondar schwerbehindert und Kriegsinvalide.

Von den etwa 830  000 Helfern, die nach der Havarie in Tschernobyl im Einsatz waren, sollen nach aktuellen Studien zwischen 112  000 und 125  000 Menschen an den Folgen ihrer Arbeit gestorben sein.

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