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Mittwoch in der ARD : „Tod einer Kadettin“: Film und Doku über das Schicksal der Jenny Böken

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Warum musste Jenny Böken sterben? Die ARD zeigt einen spannenden Spielfilm und eine gründliche Dokumentation.

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erstellt am 03.Apr.2017 | 07:22 Uhr

Kiel/Geilenkirchen | Ihr Schicksal hat viele bewegt - und bis heute, acht Jahre nach dem Tod der „Gorch Fock“-Kadettin Jenny Böken (18), sind viele Fragen offen. An diesem Mittwoch zeigt das Erste das Drama „Tod einer Kadettin“ (20.15 Uhr) und im Anschluss die Dokumentation „Der Fall Gorch Fock - die Geschichte der Jenny Böken“ (21.45 Uhr). Böken hatte am 3. September 2008 Nachtwache auf dem Segelschulschiff der Marine. Kurz vor Mitternacht soll ein Schrei gehört worden sein, dann hieß es, jemand sei über Bord gegangen. Die Leiche wurde am 15. September 2008 bei Helgoland in der Nordsee entdeckt.

Hintergrund: Film und Doku über den Fall Jenny Böken

Ihr tragisches Schicksal bewegte Millionen: der Tod der „Gorch Fock“-Kadettin Jenny Böken im Jahr 2008. Adolf-Grimme Preisträger Raymond Ley („Eine mörderische Entscheidung“) hat Regie geführt. Mit seiner Frau Hannah Ley, Schauspielerin und ebenfalls Grimme-Preisträgerin, hat er auch das Drehbuch für den Film und das Buch für die Doku verfasst.

Die Leys sind eines der renommiertesten Autorenpaare des deutschen Fernsehens. „Die Nacht der großen Flut“ (2005), „Eichmanns Ende“ (2010) oder „Letzte Ausfahrt Gera - Acht Stunden mit Beate Zschäpe“ (2016) sahen Millionen Fernsehzuschauer. Zeithistorische und gesellschaftspolitische Themen am Schicksal von Einzelpersonen zu entfalten, ist ein Markenzeichen der Leys.

So ist denn auch „Tod einer Kadettin“ weit mehr als eine kriminalistische Spurensuche, was in der Todesnacht auf dem Segelschulschiff wirklich passierte. Es geht darum, den Mikrokosmos Marine darzustellen, eine männerdominierte Hierarchie, die auf Befehl und Gehorsam basiert: Wie Ausbilder weibliche Rekruten schinden, männliche Kadetten geschmacklose Zoten reißen, den Macho geben, oder auf dem engen Klo des Schiffs rüder Sex gemacht wird. Aber auch: Wie Vorgesetzte die gewünschte Frauenquote bei der Marine erfüllen wollen. Und so darf eine für die Offizierslaufbahn als nicht geeignet beurteilte junge Frau, die zudem noch Höhenangst hat, dennoch an Bord der „Gorch Fock“ und in die gefürchtete Takelage.

Film und Dokumentation zeigen aber auch das Scheitern einer jungen Frau, die als Soldatin möglicherweise den falschen Beruf für sich wählte. Jenny, „zum Widerspruch erzogen“ (wie Mutter Marlis sagt), wollte Bundeswehrärztin werden und in Auslandseinsätzen helfen. Bereits ihr Oberstufenpraktikum machte sie auf einer Fregatte. Erst bei der Marine litt sie immer wieder unter plötzlichem Einschlafen - der seltenen Schlafkrankheit Narkolepsie, ausgelöst eventuell durch die vielen Impfungen bei der Bundeswehr? Darüber rätseln die Eltern.

„Mann über Bord, Mann über Bord, das ist keine Übung“, hallen Rufe übers Deck der „Gorch Fock“. Es ist kurz vor Mitternacht, 3. September 2008. Nordsee, Windstärke sieben. Suchscheinwerfer gleiten übers Wasser, vergeblich. Erst am 15. September wird die Vermisste geborgen. Im Film ist es Lilly Borchert (überragend als gemobbte Außenseiterin an Bord: Maria Dragus), in der Realität war es Jenny. Sie hatte für eine Kameradin die nächtliche Wache freiwillig übernommen nahe am Bug, die Reling ist da nur 40 Zentimeter hoch.

„Frei nach Motiven“ zum Fall Jenny Böken, so heißt es im Vorspann, sei das Drama gedreht. Doch die Eltern Uwe und Marlis Böken, die eng mit den Filmemachern kooperiert haben, sagen: „Der Film ist sehr nah an der Wahrheit - einschließlich des offenen Endes.“

Regisseur Ley zeigt im Film denn auch gleich mehrere Varianten, was passiert sein könnte: Mord, Selbstmord, Unglück. Die Option Suizid habe im realen Fall keine Rolle gespielt, so habe es auch die Staatsanwaltschaft in Kiel gesehen, betonen die Eltern. „Jenny hatte sich auf ihren 19. Geburtstag mit uns in Hamburg gefreut. Und sie wollte doch ihrem Freund einen Heiratsantrag machen.“ Am 5. September, also 24 Stunden nach der Tragödie, wäre Jenny 19 geworden.

Warum musste Jenny Böken sterben? Die Eltern glauben nicht an ein Unglück

Nach Ansicht der Eltern ist der Fall trotz mehrerer Gerichtsprozesse nicht aufgeklärt. „Wir halten es für hochwahrscheinlich, dass Jenny schon an Bord zu Tode gekommen ist, das würde auch erklären, warum sie kein Wasser in der Lunge hatte“, sagte Vater Uwe Böken in Geilenkirchen (Nordrhein-Westfalen). „Einem Unfalltod durch Ertrinken, wie es die Obduktion als wahrscheinlichste Todesursache ergeben haben soll, widersprechen mehrere Ungereimtheiten“, betonte auch Mutter Marlis Böken.

„Ein Mitarbeiter des Forschungsschiffs ,Walter Herwig III' - es hatte den Leichnam geborgen - berichtete, Jenny sei mit ihrem Marineparka aus dem Wasser gezogen worden“, sagte Uwe Böken. Später hieß es, zur Obduktion sei Jenny in Sweatshirt und Marinehose gebracht worden, von einem Parka keine Spur mehr. „Für mich drängt sich die Schlussfolgerung auf, alles sollte so aussehen, dass Jenny im Wasser noch lebte und sich des Parkas entledigt habe, um besser schwimmen zu können“, sagte der Vater.

Die Eltern Marlis und Uwe Böken wollen nicht aufgeben - sie glauben nicht an einen Unfalltod ihrer Tochter Jenny.
Die Eltern Marlis und Uwe Böken wollen nicht aufgeben - sie glauben nicht an einen Unfalltod ihrer Tochter Jenny. Foto: dpa
 

„Wenn man sie mit Parka in der Nordsee findet und sie kein Wasser in der Lunge hat, hätte jeder Staatsanwalt davon ausgehen müssen, dass sie schon tot war, als sie ins Wasser fiel.“ Die Eltern glauben nicht an einen Mord, „aber es könnte ein Streich einer Clique gewesen sein, die Jenny auf der ,Gorch Fock' möglicherweise irgendetwas in den Tee getan hat“. Ihre Tochter habe bei der Marine immer wieder darüber geklagt, extrem müde zu sein und einzuschlafen - „ein Phänomen, das sie vorher niemals hatte“, sagte Böken. Möglicherweise könnte dies mit den zahlreichen Impfungen bei der Bundeswehr zusammenhängen. Das renommierte Paul-Ehrlich-Institut in Langen bei Frankfurt habe noch keine abschließende Einschätzung zu dieser These eines Mediziners gegeben.

Seit mehr als acht Jahren warten die Eltern auf ein Paket, das die Marine nach Jennys Tod abgeschickt haben will. Darin sollen Gegenstände aus dem abschließbaren persönlichen Wertfach aus Jennys Spind gewesen sein. „In dem Fach hätte auch das persönliche Tagebuch liegen müssen“, sagte Marlis Böken. „Bekommen haben wir nur Jennys dienstliches Tagebuch, auf das auch Vorgesetzte Einblick hatten.“ Auch dieses enthalte manche Passagen über Mobbing auf der „Gorch Fock“. Über ihr persönliches Tagebuch habe Jenny sinngemäß gesagt, „ihr werdet euch wundern, was ich da noch alles drin aufgeschrieben habe“. Auf der Internetseite jenny-boeken.de hat der Vater sämtliche Ungereimtheiten akribisch dargestellt.

Ein Sprecher der Marine wollte sich auf dpa-Anfrage zu Details des Falls nicht mehr äußern. Es handle sich um ein schweres Schicksal für die Eltern, mit denen man tief mitfühle. In mehreren Gerichtsprozessen sei das Geschehen juristisch aufgearbeitet worden, die Ermittlungen seien abgeschlossen.

Dagegen hoffen die Eltern, „dass von den rund 200 Menschen, die damals an Bord waren, einige doch noch die Kraft finden und endlich berichten, was in der Todesnacht wirklich passierte“. Das Lehrer-Ehepaar Böken aus Geilenkirchen ist inzwischen geschieden, aber im jetzt mehr als acht Jahre dauernden Kampf um die Aufklärung des Todes ihrer Tochter weiterhin vereint.

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