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Enkeltrick : Teppichhändler vor Gericht

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

52-jähriger Angeklagter soll versucht haben, eine wohlhabende 86-Jährige um mehrere tausend Euro zu prellen. Er gab sich als Neffe jenes guten Bekannten, der der alten Dame reglmäßig wertvolle Teppiche verkauft hatte.

shz.de von
erstellt am 09.Okt.2017 | 19:29 Uhr

Der Angeklagte wringt die Hände, fährt sich durch die schwarzen Haare, die an einigen Stellen schon grau werden. Wenn im Gerichtssaal jemand spricht, beschäftigt er sich mit einer schwarzen Geldbörse, in der diverse Pässe und ein Briefumschlag stecken. Seit gestern muss sich der 52-Jährige vor dem Kieler Amtsgericht wegen schweren Betrugs behaupten. Gemeinsam mit einem zweiten Verdächtigen soll er versucht haben, eine 86-Jährige Seniorin aus Heikendorf um mehrere tausend Euro zu bringen.

Anfang Dezember 2016 suchte der Angeklagte mit seinem Kompagnon das Haus der betagten Dame auf. Im Vorfeld soll sich einer der beiden Täter bereits telefonisch bei der Frau gemeldet haben. Im Gespräch habe sich der Anrufer als der Neffe eines Teppichhändlers ausgegeben, bei dem die 86-Jährige in der Vergangenheit wiederholt Teppiche gekauft hatte. Seine Botschaft: Der Onkel sei verstorben, die Teppiche aus dem Geschäft sollen günstig unter die Leute gebracht werden. Laut Anklage hat der Anrufer der 86-Jährigen mitgeteilt, dass er für sie ein besonders schönes Stück zurückgehalten habe. Überzeugt, es mit dem Neffen ihres alten Bekannten zu tun zu haben, willigte die Zeugin nach eigener Aussage einem Treffen mit dem Teppichverkäufer in ihrem Haus ein.

Zu dem Treffen wenige Tage später erschienen dann zwei Männer. Im Gepäck hatten sie den besagten Teppich, der der Seniorin schon am Telefon angekündigt worden war. „Mir wurde gesagt, dass der Teppich 28  000 Euro wert ist“, erklärte die Seniorin im Zeugenstand. Allerdings: Ein Sachverständiger schätzte den Wert später auf lediglich 3400 Euro.

Wie die 86-Jährige sagte, haben sich die Männer dann im Hause umgesehen und schließlich gemeinsam mit ihr einen Platz für den neuen Teppich auserkoren. Das dort liegende Stück wurde kurzerhand eingepackt. Einer der Männer soll der Frau gesagt gesagt, dass sie den alten Teppich in Zahlung geben könne und für den neuen Vorleger nur noch 11  000 Euro in bar an ihn aushändigen müsse. „Da stand ich erst einmal perplex da“, sagte die Seniorin gestern im Gerichtssaal. „Ich war überfordert mit der Situation und habe mich richtig überfahren lassen.“

Die Männer haben den alten Teppich in ihren Wagen gepackt und für die Geldübergabe einen Termin zwei Tage später vereinbart. Bei den Gesprächen hielt sich einer der „Verkäufer“ nur im Hintergrund, während der andere die Verhandlungen führte. Dies bestätigte auch der Angeklagte (52): „Ich habe kein Wort gesagt.“ Er habe seinem Bekannten lediglich einen Gefallen getan, ihn zum Haus der Seniorin gefahren und beim Teppich-Transport geholfen. „Was da für ein Geschäft geschlossen wurde, habe ich nicht mitbekommen“, beteuerte der Angeklagte, der selbst seit 30 Jahren mit der Ware handelt. Den Namen des mutmaßlich federführenden Mannes nannte er gleich zu Beginn der Verhandlung. Der Mittäter sei der Vater eines Teppichhändlers aus Preetz, den der Angeklagte schon länger kenne.

Zu der Geldübergabe im Dezember, zwei Tage nach dem Besuch der Händler, ist der Angeklagte dann allein erschienen. Sein Bekannter hätte ihn darum gebeten, weil er selbst verhindert gewesen sei. Im Haus der Seniorin wartete allerdings schon die Polizei. „Ich habe meinem Sohn von dem Geschäft erzählt. Er sagte sofort, dass ich doch verrückt geworden bin“, sagte die 86-Jährige. Nach ihren Erzählungen hat der Sohn sofort die Polizei eingeschaltet, die den Verdächtigen dann am Tag der geplanten Übergabe empfing und mit aufs Revier nahm.

Ein Urteil wurde gestern nicht gesprochen. Bis zum nächsten Verhandlungstag, am 30. Oktober, will sich die Staatsanwaltschaft bemühen, den mutmaßlichen Mittäter ausfindig zu machen. Für die 86-Jährige ging die Geschichte glimpflich aus: Ihren alten wertvollen Teppich bekam sie kurz nach dem Vorfall zurück.

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