Urteil am Landgericht : Taxi-Entführer wollten umsonst nach Dänemark

In einem Waldstück fanden Polizeibeamte das entführte Taxi. Foto: df
In einem Waldstück fanden Polizeibeamte das entführte Taxi. Foto: df

Abdul M. wurde fast sieben Stunden von zwei Polen aus Berlin entführt. Sie wollten ohne Geld auszugeben nach Dänemark. Das Landgericht in Kiel bot einen Deal an.

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26. April 2012, 10:38 Uhr

Kiel | Es waren die wohl sieben schwersten Stunden seines Lebens, die der Berliner Taxifahrer Abdul M. (61) Dienstag vor dem Landgericht schildern musste. Sein linkes Bein zittert dabei, seine Fußspitzen berühren gerade den Boden, so klein ist der Mann aus Indonesien. Doch vermutlich war es auch seine Größe, die ihm am 29. Oktober 2011 das Leben rettete.
Was war passiert? Abdul M. wartete mit seinem Taxi vor dem Berliner Hauptbahnhof. Um zwei Uhr morgens steigen die beiden Polen ein, die nun auf der Anklagebank sitzen. Ihre Sporttasche wollte Abdul M. ihnen abnehmen und in den Kofferraum legen - doch Daniel C. (39) legte sie zu sich auf die Rückbank. Lech S. (39) stieg vorne ein. Das Reiseziel: "Autobahn nach Hamburg." Nur Daniel C. sprach deutsch. Er erzählte Abdul M., dass sie aus Russland kämen, unterhielten sich jedoch auf polnisch. "Er sagte, er sei Lkw-Fahrer und ich dachte, er wollte wieder in einen Laster steigen", erinnert sich der Taxifahrer.
"Du wurdest entführt"
Als das Taxi in der Nähe der Autobahn nach Hamburg war, hieß es nur "weiter, weiter". Abdul M. bekam ein ungutes Gefühl. An einem entlegen Rastplatz sollte er halten, den Motor ausschalten und das Licht ausmachen. "Dort standen Laster und ich dachte: Gott sei dank, jetzt hab ich es geschafft." Doch der 61-Jährige irrte. Von hinten richtete Daniel C. eine Softair-Waffe auf ihn, sagte, es sei eine Kalaschnikow: "Du wurdest entführt. Wenn du dich vernünftig verhältst, wirst du am Ziel freigelassen und nicht misshandelt oder getötet." Abdul M.: "Ich hatte große Angst." Erst im Dezember 2010 sei er mit einer Pistole bedroht und im Dienst ausgeraubt worden. Und: "Ich habe auch schon gelesen, dass ein Taxifahrer ermordet wurde."
Abdul M. musste den Entführern sein Handy und sein Geld geben, sich nach hinten setzen. Daniel C. fuhr weiter, erst Richtung Rostock, dann nach Lübeck und von dort Richtung Bad Segeberg. Beim ersten Tanken dachte er schon an eine Flucht. "Aber es war so dunkel, ich kannte mich nicht aus und kürzlich hatte ich im Fernsehen gesehen, dass die meisten Leute gar nicht bemerken, wenn jemand Hilfe braucht."
Beim Tanken hinter Regalen versteckt
Er blieb sitzen. Als Daniel C. das Taxi plötzlich in einen Feldweg steuerte, dachte Abdul M.: "Das ist mein Ende." Doch der zweite Entführer musste nur austreten. Sie fuhren auf der A7 Richtung dänische Grenze. Die Vermutung der Staatsanwaltschaft: Die beiden Männer wollten nach Skandinavien, ohne dafür zu bezahlen. Bei einem weiteren Tankstopp an der Raststätte Hüttener Berge sprach Abdul M. den Tankwart an: "Helfen Sie mir, ich werde entführt."
Wie befürchtet habe der ihn nicht ernst genommen. Er rannte deshalb in die Tankstelle und versteckte sich hinter einem Regal. Daniel C. bezahlte gerade. "Weil ich so klein bin, hat er mich dahinter nicht gesehen." Abdul M. ging zur Kassierin und wurde schließlich in einen Nebenraum gelassen. Seine Rettung - um 9.14 Uhr.
Geringe Haftstrafen in Aussicht gestellt
Die Entführer wurden wenig später in einem Waldstück bei Owschlag gefasst. Der erste Anruf von Abdul M. galt seiner Frau. "Meine Gedanken waren die ganze Zeit bei meiner Familie." Am Abend, nach der Vernehmung, setzte er sich wieder hinter das Steuer seines Taxis - auf den Weg nach Berlin. Er fährt weiterhin nachts Taxi, wenn auch wesentlich ängstlicher als früher. "Aber was soll ich machen, ohne die Arbeit habe ich kein Einkommen und kann nicht leben."
Die beiden Männer haben die Tat gestanden, wollen Donnerstag aussagen. Das Gericht sicherte Daniel C. dafür Haft von höchstens viereinhalb Jahren zu, Lech S. eine Bewährungsstrafe von höchsten zwei Jahren - vorausgesetzt, die Angeklagten zahlen das Schmerzensgeld von 5000 Euro.

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