zur Navigation springen

Borowski und die Kinder von Kiel Gaarden : „Tatort“ aus Kiel: Kinderland ist abgebrannt

vom
Aus der Onlineredaktion

Der „Borowski“ zeichnet tiefgründig recherchierte Einblicke in die Kinderarmutssituation in Kiel. Unseren Kritiker Frank Kobel hat die Geschichte zwischen Pädophilie, Not und Jugendkriminalität nicht unberührt gelassen.

Kiel | Auch der zweite Kieler „Tatort“ in diesem Jahr will partout keine Werbung für unser geliebtes Schleswig-Holstein machen. Ging es vor acht Wochen noch um Jugendgangs und Crystal Meth, so müssen heute Abend Borowski und Kollegin Brandt (Axel Milberg, Sibel Kekilli) erneut hinab in die sozialen Untiefen.

Diesmal in den Kieler Problembezirk Gaarden, unweit des Hafens. Also dahin, wo die Mehrheit der Einwohner von Stütze lebt, wo die Armut nicht nur die vielen Werftarbeiter und Fischer trifft, die ihre Jobs verloren haben, sondern erst recht ihre Kinder. Genau hier wird der 60-jährige Onno Steinhaus erschlagen aufgefunden. Ein schräger Vogel, meist besoffen und mit einer Vorstrafe wegen Pädophilie. Da passt es, dass er öfters mal die kleinen Racker von nebenan bei sich hatte und fette Partys feierte. Bier und Pornos inklusive. Und das Fummeln an den Jungs konnte er auch nicht lassen. Hatten sich die verwahrlosten Jugendlichen jetzt an dem „Kinderficker“ gerächt?

Timo Scholz (Bruno Alexander) ist verzweifelt und voller Hass.
Timo Scholz (Bruno Alexander) ist verzweifelt und voller Hass. Foto: Christine Schroeder/NDR/dpa

Eva und Volker A. Zahn (Drehbuch, hier im shz.de-Interview) haben mit Regisseur Florian Gärtner penibel recherchiert, um das Milieu so realistisch wie möglich nachzuzeichnen. Alarm tut schließlich not. Denn Kinderarmut ist nicht nur in Kiel sondern auch in Lübeck, Flensburg oder Neumünster ein trauriges Dauerthema.

Und tatsächlich, dieser „Tatort“ berührt allein durch seine trostlosen Bilder und die hoffnungslosen jungen Gesichter. Auch wenn Milberg und Kekilli gewohnt kühl und souverän dagegen anspielen. Erwischt uns doch dieser Fall in seiner sozialen Düsternis an einer heiklen Stelle – an der Grenze zwischen Mitleid und Unverständnis. Ein Mitleid für die Gaardener Kinder, das spätestens dann endet, wenn sie Mist bauen und kriminell werden. Als wenn das eine ohne das andere denkbar ist.

Gärtners Film legt den Finger mithin in eine schmerzhafte Wunde. Sozialstaat, Wohlfahrtsprogramme und Lebensperspektiven für Jugendliche aus Problembezirken – das passt irgendwie nicht. Und die Realität sieht ja allemal schlimmer aus als jeder Krimi. Wo genau im System gehen da jetzt die Alarmglocken los?

zur Startseite

von
erstellt am 29.Mär.2015 | 11:59 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen