Prozess gegen Ultras : Superman feuerte Raketen ab

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Im Prozess vor dem Landgericht berichteten Zeugen gestern von Chaos und Gefahr an Silvester 2013/14 auf der Bergstraße. Offenbar wurden gezielt die „Gegner“ unter Feuer genommen. Ein als Superman verkleideter Mann schoss Raketen vom Glascontainer waagerecht ab.

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05. Februar 2018, 18:06 Uhr

„Sie haben mutwillig Raketen auf uns geschossen. Sie haben auf die Leute gezielt.“ So äußerte sich gestern eine 27-jährige Krankenschwester im Verfahren gegen sieben Fußballfans, die wegen Landfriedenbruchs und Beteiligung an einer Schlägerei vor dem Landgericht stehen. Laut Anklage sollen sie in der Silvesternacht 2013/14 mit einer Rakete eine junge Frau am Hals getroffen haben (wir berichteten). Die 19-Jährige erlitt schwere Verbrennungen. Zurückgeblieben sind entstellende Narben am Oberkörper einer Frau, die sich bis heute in medizinischer und psychotherapeutischer Behandlung befindet.

Die 27-jährige Zeugin hatte zufällig in einer Privatwohnung direkt neben der Disco an der Bergstraße mit ihren Freunden Silvester gefeiert. Zum Knallen gingen sie alle vor die Tür – und wurden prompt von der anderen Straßenseite aus unter Beschuss genommen. „Ich stand nur wenige Meter neben der Frau, die Feuer fing“, berichtete die Zeugin. Vor ihren Füßen explodierten Böller und Raketen, Jacke und Hose trugen Brandflecken davon. „Es war gefährlich, wir sind schnell wieder ins Haus geflüchtet“, sagte sie vor Gericht aus.

Ihre Schilderung deckt sich weitgehend mit den Aussagen anderer Zeugen, die „dichte Trauben“ schwarz gekleideter Männer auf der gegenüberliegenden Straßenseite ausgemacht hatten. Es war dunkel, es war verqualmt und mächtig laut. „Der Lärm hat uns die Ohren weggefetzt“, hieß es. Ein 54-jähriger Wachmann – um Mitternacht mit einem Kollegen auf „Bergstraßen-Streife“ unterwegs – sprach davon, dass „linke Straßenseite gegen rechte Straßenseite“ mobil machte: „Es war wie im Krieg.“ Am nächsten Morgen habe man jede Menge Patronenhülsen gefunden, die von der Munition für Leuchtpistolen stammt.

Ein 25-jähriger Medizinstudent – auch er nahm an einer Silvesterparty in der Nachbarschaft teil – holte sich ebenfalls Brandflecken und angesengte Haare ab, als er dem 19-jährigen Opfer erste Hilfe leistete. Nach seinen Worten klebte ihr die geschmolzene Kleidung am Körper, die junge Frau hatte starke Schmerzen. „Es war alles schwarz und voller Ruß“, sagte er vor Gericht.

Ein heute 23-jähriger Soldat war damals Aushilfe in der Kneipe „Hill Street“. Er holte kühlendes Eis aus und zeigte sich ebenso ratlos wie die anderen Zeugen: „Ich hätte nie gedacht, dass Leute mit Böllern und Raketen auf andere Menschen schießen.“

Zu Wort kam gestern auch die 22-jährige Freundin des Opfers. Gemeinsam hatten sich die beiden von Eutin auf den Weg nach Kiel gemacht, um dort den Jahreswechsel zu erleben. Das Geschoss, das ihre Freundin traf, „kam von schräg links, schlug Funken, es muss eine Rakete gewesen sein“ – so hatte sie es schon im Protokoll bei der Polizei festgehalten.

Ebenso wie die anderen Zeugen konnte sie keinen der Angeklagten dem Personenkreis auf der anderen Straßenseite zuordnen. Allerdings gab es nach ihren Worten einen verkleideten „Superman“, der offenbar die Raketen auf den Glascontainer legte und waagerecht abschoss. Wer sich in diesem Kostüm verbarg, ist bislang nicht bekannt.

Über seinen Anwalt erklärte einer der sieben Angeklagten gestern, dass er zu einer Zahlung an die geschädigte Frau bereit wäre. Als Geständnis sei die Erklärung aber nicht zu betrachten. Dem Staatsanwalt wiederum war dies zu wenig. Er hatte die sieben Verteidiger und ihre Mandaten direkt angesprochen: „Wir machen keine Angebote zur Verständigung. Treten Sie an uns heran!“

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