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Jägersberg 14 : Studenten wollen Wohnheim retten

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die FH will das alte Gründerhaus verkaufen. Die Bewohner wollen das Lebensgefühl auch anderen ermöglichen. Am Runden Tisch war klar: Es muss eine Lösung geben, in einer unterversorgten Stadt mit studentischen Wohnraum, dürfe nichts geschlossen werden.

shz.de von
erstellt am 27.Aug.2014 | 04:15 Uhr

Ein großes Banner hängt an der Fassade: „Studentenwohnheim Jägersberg 14. *1981 - † 2014?“. In den Fluren kleben Poster, Sympathiebekundungen und der Aufruf, um „das ehrenwerte Haus“ zu kämpfen. Doch weshalb müssen die Studenten überhaupt um ihr Dach über dem Kopf im Herzen Kiels bangen?

Ende November die Mail vom Studentenwerk, Verwalter des Wohnheims, die die 14 Bewohner schockte: Das Haus wird zum 31.August 2014 geschlossen. Der Grund: Die Fachhochschule will das Gebäude verkaufen.

Aber darf sie das überhaupt, fragen sich die Bewohner. Mila (23) studiert Englisch an der Christian-Albrechts-Universität (CAU) und erklärt: „Einst haben hier die Eheleute Schlüter und Göttsche gelebt. Sie war Ärztin und Künstlerin, er Ingenieur, und der Fachhochschule, die damals auf dem Gelände der heutigen Muthesius Kunsthochschule am Knooper Weg auf dem Westufer lag, sehr angetan.“

So angetan, dass seine Frau nach Göttsches Tod beschloss, das gemeinsame Erbe (Haus und Grundstück) in Form der Schlüter-Göttsche-Stiftung der Fachhochschule zukommen zu lassen. Allerdings unter der Bedingung, dass es als Studentenwohnheim genutzt wird. Soweit so gut. Das war 1981. Seitdem erlebten hier schätzungsweise 400 Studenten das alternative Wohnflair, das es in heutigen Wohnheimen wohl kaum noch gibt.

Doch die Zeiten haben sich geändert: Wohnten hier früher ausschließlich FH-Studenten, ist ihr Anteil nach dem Hochschulumzug auf das Ostufer deutlich kleiner geworden. Heute sind es hauptsächlich CAU- und Muthesius-Studenten, doch gerade das „hochschulübergreifende Wohnen“, wie die Bewohner es nennen, mache das Haus so spannend.

Für die FH ist dies allerdings einer von zahlreichen Gründen gegen das Wohnheim . Aus dem Präsidium heißt es: „Die FH ist seit 20 Jahren auf dem Ostufer und hat keine Interessen mehr auf dem Westufer.“ Bei ihren Studenten sieht dies zuweilen anders aus. Nermin beispielsweise ist eine von derzeit zwei FH-Studenten: „Wenn ich arbeite, brauche ich Ruhe. In dem Wohnheim vorher war alles sehr hellhörig, und ich habe von Projensdorf bis zur FH 50 Minuten gebraucht, da ist die Entfernung von hier ein Witz.“ So sähen das auch viele andere Kommilitonen, die lieber auf dem West- als auf dem Ostufer leben wollen, wo gerade neue Wohnheimplätze geschaffen werden.

Ein weiterer Grund den die FH gegenüber den Bewohnern geäußert hat: der Sanierungsstau. Haussprecher Mathis erklärt: „In der Stiftungssatzung steht, dass das Gebäude in seinem Bestand erhalten werden muss. Wenn es zu einem Stau gekommen ist, dann nur, weil die FH hier nichts gemacht hat.“ Eine Gebäudeanalyse, die die Studenten in Auftrag gegeben haben, zeige, dass eine energetische Sanierung auch im Sinne des Brandschutzes wesentlich günstiger zu machen sei, als die FH annimmt. Sie geht von einer Million Euro aus. Die FH sagt dazu: „Die Stiftung selbst verfügt über keine liquiden Mittel, das Haus zu sanieren“, und die Hochschule wolle keine Steuermittel hierfür bereitstellen. Mila: „Wenn der Sanierungsstau und fehlendes Geld das Problem sind, verstehen wir nicht, weshalb man nicht auf uns zugegangen ist. Wir wären bereit, mehr zu zahlen, wenn es dazu beiträgt, das Haus zu erhalten.“ Das hehre Ziel der Bewohner ist, nicht das eigene Dach über dem Kopf zu retten, sondern „anderen Generationen von Studenten den Spirit des Hauses erleben zu lassen“.

Auch Carina (24) ist dankbar, hier zu wohnen: „Trotz aller Fluktuationen hat es das Haus immer wieder geschafft, dass hier in einer Gemeinschaft gelebt wird.“ Die Muthesius-Studentin weiß, wovon sie redet: „Ich habe vorher in einem anderen Wohnheim gewohnt und kannte nicht einmal die Nachbarn auf den langen Fluren.“

Doch welche Möglichkeiten haben sie jetzt noch, das Wohnheim zu erhalten? Haussprecher Mathis: „Drei Bewohnern hat das Studentenwerk einen Mietvertrag bis 2015 und sogar August 2016 ausgestellt. Die können nicht rausgeschmissen werden.“ Die Hoffnung der anderen: „Es können mindestens so lange Studenten hier leben, bis der letzte Mietvertrag ausläuft.“ Als zweiten Schritt würden sie gern die Erben kontaktieren, um gemeinsam nach einer Lösung im Sinne der Stiftung zu suchen, gegebenenfalls sogar einen Privatinvestor zu finden. Interessenten gebe es bereits. Einziges Problem: Den Bewohnern fehlt der Zugriff auf das Testament. Mathis: „Beim ersten Runden Tisch im Juni hatte uns Kanzler Klaus-Michael Heinze in die Hand versprochen, Einblick zu erhalten. Nach Gesprächen mit seinem Anwalt hat er einen Rückzieher gemacht.“

Gestern Abend gab es einen zweiten Runden Tisch mit Rolf Fischer (SPD), Staatssekretär für Wirtschaft, Wissenschaft und Bildung, Vertreter von CAU und Muthesius, dem Studentenwerk sowie den Bewohnern. Ein FH-Vertreter kam nicht – aus Termingründen, wie es hieß. Doch Susann Schrader, Geschäftsführerin der Studentenwerke Schleswig-Holstein machte Hoffnung: „Herr Heinze schlug mir in einem Telefonat eine Angleichung der restlichen Mietverträge bis 2016 vor. Genaueres müssen wir noch besprechen.“ Eine Übernahme des Wohnheims wie es die Stiftungssatzung vorsehe, schloss Schrader hingegen aus: „Laut FH gibt es eine Grundbucheintragung, die das verhindert. Selbst wenn wir es geschenkt bekämen, stünden die Sanierungskosten in keinem Verhältnis zu den Wohnheimplätzen.“ Als konstruktives Treffen bezeichnete es Rolf Fischer: „Alle sind sich einig, dass studentisches Wohnen notwendig ist. Wir müssen aber jetzt mit der FH die Fragen zur Stiftung klären, bevor über weitere Konzepte gesprochen werden kann.“


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