zur Navigation springen

Trotz Bafög : Student: „Tafel hilft mir über Engpässe“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Lars Rosenbaum arbeitet ehrenamtlich bei der Tafel in Kiel. Der Student muss aber auch selbst dort einkaufen, um den Semesterbeitrag und Fachliteratur zahlen zu können.

shz.de von
erstellt am 11.Dez.2013 | 06:36 Uhr

Kiel | Seit dem Sommer kennt sie Lars Rosenbaum alle: die Fahrer, die Lebensmittelmärkte und die Sortierer der Kieler Tafel. Der FH-Student macht gerade seinen Master in Betriebswirtschaft und wollte sich neben seinen diversen Hochschulämtern auch anderweitig engagieren. „Ich habe gesehen, dass sie dringend Fahrer suchen“, erzählt der 36-Jährige. Einen Anruf später stand er im Tafelzentrum am Schwedendamm. Es war Sommer, es war warm und er lernte – wie jeder Neuankömmling – als erstes das Sortieren der abgegebenen Lebensmittel und das Tafel-Credo: „Wir bieten nichts an, das wir selbst nicht essen würden.“

Drei Monate, von Juli bis September, fuhr der Student mit einem der drei Tafeltransporter fünf Tage die Woche 90 Prozent der Lebensmittelmärkte und alle Bäckereien der Stadt an. Im Wagen sortierte er vor: Obst und Gemüse getrennt von Backwaren. Am Ende seiner Route hat er 75 Kisten voll Lebensmittel, die gründlich durchgeschaut werden, bevor sie an eine der insgesamt sieben Ausgabestellen in der Landeshauptstadt sowie Flintbek und Kronshagen wieder verteilt werden. Rosenbaum: „Es ist immer schön zu sehen, wie viel Freude man den Menschen, die es brauchen, damit machen kann.“

Im Sommer 2012 ahnte er noch nicht, dass er selbst zum Kunden der Tafel wird. Der Student hat monatlich 670 Euro elternunabhängiges Bafög, davon gehen monatlich 350 Euro für Miete und 150 Euro für die Krankenkasse als Fixkosten ab. „Was dann übrig bleibt zum Leben ist nicht viel, wenn Fachbücher und Semesterbeitrag fällig werden“, erzählt Lars Rosenbaum, der sich mit seinem Bruder eine Wohnung teilt. Immer, wenn es eng werde, gerade zu Beginn und Ende eines Semesters, geht er zu seiner Ausgabestelle in der Sozialkirche in Gaarden. Da hilft auch der 400-Euro-Job in der Zentralen Studienberatung nicht immer weiter.

War das erste Mal „einkaufen“ ein komisches Gefühl? „Nein, seit dem Sommer wusste ich, dass einige Studenten zur Tafel gehen. Komisch ist es nur, mit den bepackten Tüten an die nächste Bushaltestelle zu gehen, denn die Bewohner drumherum wissen dann genau: ‚Der war bei der Tafel‘.“ Rosenbaum hat sogar in seinem Freundes- und Bekanntenkreis für Aufklärung gesorgt. „Für den Tafelausweis muss man nur den Bafög-Bescheid vorlegen. Jeder der weniger hat als 954 Euro monatlich ist berechtigt“, sagt er. Laut aktueller Sozialerhebung hat rund ein Viertel der Studenten weniger als 600 Euro monatlich zur Verfügung. „Bei der Tafel sind längst alle gesellschaftlichen Schichten vertreten“, weiß Rosenbaum durch seinen Fahrdienst und die Einkäufe. Das mache es für ihn leichter, in Notzeiten auch darauf zurückzugreifen. Aber: „Ich gebe viel lieber als zu nehmen. Es gibt andere, die es noch dringender brauchen.“

Insgesamt versorgt die Kieler Tafel mit 200 Mitarbeitern, teils Ehrenamtler, teils Ein-Euro-Jobber, rund 2000 Haushalte – von einem bis zu 13 Familienmitgliedern – in Kiel. Die Finanzierung erfolgt laut Vorstandsmitglied Barbara Kotte ausschließlich über Spenden und das so genannte Tütengeld von einem Euro, dass jeder Kunde für seinen Einkauf gibt. „Das ist bei 45.000 Einkäufen im Jahr eine große Hilfe, um unsere Kosten von 145.000 Euro jährlich stemmen zu können“, sagt Barbara Kotte.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen