Vor 100 Jahren : Streik in den Torpedo-Werkstätten

So sah es 1915 aus in den Torpedo-Werkstätten in Friedrichsort. Der vordere Torpedo ist, wie der Chronist weiß, „fertig zum Gebrauch“.
So sah es 1915 aus in den Torpedo-Werkstätten in Friedrichsort. Der vordere Torpedo ist, wie der Chronist weiß, „fertig zum Gebrauch“.

Der Funke ging von Friedrichsort aus, von den damaligen Torpedo-Werkstätten. Weil den Obleuten die Strafversetzung an die Front drohte, kam es 1918 zum Januarstreik. Andere Betrieben schlossen sich. Mit 30 000 Menschen erlebte Kiel die größte Demonstration der Stadtgeschichte.

shz.de von
24. Januar 2018, 19:04 Uhr

Kein Denkmal und keine Statue, kein Bild und noch nicht einmal eine polierte Plakette – die Erinnerung an das historische Ereignis fällt schwach aus. Der sogenannte Januarstreik, der auf den Tag genau vor 100 Jahren in Friedrichsort seinen Anfang nahm, ist ein extrem unterschätztes Ereignis. Dabei führte er mit 30 000 Menschen zu der größten politischen Demonstration, die Kiel wohl je erlebt hat. Es war gewissermaßen der Probelauf zum Matrosenaufstand zehn Monate später, der als Geburtsstunde der deutschen Republik gilt.

Darauf wiesen gestern Doris Tillmann als Leiterin des Stadtmuseums und Johannes Rosenplänter als städtischer Archivleiter hin. Assistiert wurden sie vom Historiker Martin Rackwitz. Sein Buch über die „Kriegszeiten in Kiel“ geht auf die entscheidenden Monate ein.

Im Gegensatz zu den Hungerkrawallen vom Oktober 1916 oder vom März 1917 handelt es sich jetzt, wie Racknitz betont, um einen politischen Streik. Samt Forderungen nach Frieden, Abschaffung des preußischen Drei-Klassen-Wahlrechts, Neuwahlen und der Zusicherung, dass die Vertrauensmänner in den Fabriken nicht mehr zur Front strafversetzt werden. Genau das aber war in den Torpedo-Werkstätten in Friedrichsort den „Revolutionären Obleuten“ der USPD, der Unabhängigen Sozialdemokraten, passiert.

An jenem 25. Januar 1918 war der Bogen überspannt. 3000 Männer legten die Arbeit nieder, die Streiknachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Unter den 30 000 Menschen der Kundgebung auf dem Wilhelmplatz waren auch Arbeiter etwa der Germania- oder der Kaiserlichen Werft. Es hätte ein Blutbad geben können, wenn der Militärgouverneur nicht den Abbau der Maschinengewehre angeordnet hätte.

Dass der Januarstreik, der sich in Berlin nach dem Kieler Vorbild wiederholte, nach ein paar Tagen zusammenbrach, hat nach Auffassung der Experten auch mit der zwiespältigen Haltung der MSPD, den Mehrheits-Sozialdemokraten, zu tun. Diese fühlten sich dem „Burgfrieden“ mit dem Kaiser verpflichtet. Wilhelm II. und seine Berater zogen aus dem Januarstreik jedoch keine Schlüsse für ihre Politik. Ganz im Gegenteil. Den Krieg setzten sie fort – bis die Matrosen Ende Oktober den Befehl verweigerten.

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