Bezahlbarer Wohnraum in Kiel-Gaarden : Straßenmagazin „Hempels“ kauft Mehrfamilienhaus auf dem Ostufer

Solidarität zeigen mit den Schwachen: (v. l.) Landespastor Heiko Naß, Vera Ulrich und Jo Tein von der Hempels-Mannschaft.
Solidarität zeigen mit den Schwachen: (v. l.) Landespastor Heiko Naß, Vera Ulrich und Jo Tein von der Hempels-Mannschaft.

Der Verein hinter dem Straßenmagazin geht unter die Vermieter – und setzt ein Zeichen für bezahlbaren Wohnraum.

shz.de von
03. Januar 2018, 19:46 Uhr

Das Straßenmagazin „Hempels“ beschreitet Neuland. Mit Unterstützung der Treuhandstiftung der Diakonie Schleswig-Holstein haben die Verantwortlichen ein Mehrfamilienhaus in Kiel-Gaarden gekauft. Es soll auf Dauer Menschen eine Mietwohnung bieten, die auf dem angespannten Kieler Wohnungsmarkt keine Chance haben. Den Machern von Hempels geht es um ein politisches und soziales Zeichen. Dass nämlich „bezahlbarer Wohnraum für arme Menschen geschaffen werden kann“. So formuliert es Jo Tein vom Hempels-Vorstand in der aktuellen Ausgabe der Straßenzeitung.

Für 370.000 Euro hat „Hempels“ das Gebäude gekauft, zu einem beträchtlichen Teil ermöglicht durch zwei Großspenden in Höhe von 50.000 und 200.000 Euro. Dank sagen Jo Tein und Vera Ulrich von der „Hempels“-Verwaltung aber auch ungezählten Kleinspendern. Nach ihren Worten werden weitere 150.000 Euro für die Sanierung und Modernisierung in das Projekt fließen. Die Arbeiten beginnen im Frühjahr.

Die Adresse des Gebäudes verraten die Verantwortlichen (noch) nicht. Sie wollen einerseits eine unnötige Aufregung in der bestehenden Mieterschaft vermeiden und andererseits auch verhindern, dass das Projekt Zielscheibe von Anschlägen wird, bevor es überhaupt begonnen hat. „Die jetzigen Bewohner müssen sich keine Sorgen um ihre Mietverträge machen“, garantiert Tein. Ein Beratungsbüro für alle Beteiligten wird von vornherein mit eingeplant.

Für Heiko Naß, Landespastor und Sprecher der Diakonie Schleswig-Holstein, verkörpert das beispielhafte Projekt auch „ein Stück Haltung“ in der Solidarität mit den Gestrandeten der Gesellschaft. Nach seinen Worten wird guter, qualitativ vernünftiger Wohnraum geschaffen. Das Haus „am Rande Gaardens“ verfügt insgesamt über zwölf Wohnungen, zumeist bescheidene 35 Quadratmeter groß und deshalb eher für Alleinstehende gedacht. Auf dem Grundstück ist noch Platz genug für einen Neubau – auch dieses Projekt soll im Jahre 2018 angegangen werden.

Die Hempels-Mannschaft ist sich einig: Die Schaffung preiswerter Wohnungen ist überfällig. Der Verdrängungswettbewerb über steigende Mieten hat in Kiel zu einer steigenden Zahl wohnungsloser Menschen geführt. Sie sind nicht automatisch obdachlos, weil sie oft Quartier bei Freunden finden. Aber die Zahl von 550 Frauen und Männern ohne eigene Wohnung liegt laut Jo Tein doppelt so hoch wie vor fünf Jahren. Sein Urteil: „Politik und Wohnungswirtschaft haben bislang viel zu wenig getan, um diese traurige Entwicklung zu stoppen.“ Naß fügt hinzu, dass es schwer hat, wer einmal gestrauchelt ist. Oft findet er ohne Unterstützung nicht zurück in die Gesellschaft.

Genau das aber soll im Hempels-Haus passieren. Wobei den Beteiligten auch klar ist, dass kein soziales Ghetto entstehen soll. Die soziale Mischung macht’s. Die preiswerten Wohnungen werden nach Ansicht von Tein beispielsweise auch für Studenten interessant sein, denn auch ihnen setzt der aktuelle Mietmarkt enge Grenzen. Der Hempels-Verein wird die Betreuung im Haus übernehmen. Das Projekt auf dem Ostufer könnte im Übrigen erst der Anfang sein, die Verantwortlichen blicken weit nach vorn: Denn die Mieteinnahmen sollen in die Realisierung weiterer Wohnprojekte fließen.

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