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TV Total : Stefan Raab verspottet Kieler-Woche-Plakat

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„Mutig“ oder „Testbild“? Das neue Kieler Woche-Plakat wird kontrovers diskutiert. Jetzt spottet Stefan Raab bei TV Total über die Werbung.

shz.de von
erstellt am 11.Sep.2014 | 17:48 Uhr

Kiel | „Testbild“, „Ikea-Bettwäsche“. „Da fehlt nur das Logo der Fliesenlegerinnung“. Das Kieler-Woche-Plakat 2015 hat nach seiner Vorstellung einiges einstecken müssen. Denn es zeigt lediglich verschiedene blaue Rechtecke nebeneinander, mit minimalistischem Schriftzug in der Ecke. Jetzt wird bundesweit über das Design gelästert: Am Mittwochabend nutzte Stefan Raab in seiner Pro7-Sendung „TV Total“ den Sieger-Entwurf des Wettbewerbs als Steilvorlage für seine Standup-Comedy-Begrüßung.

Auf bekannt hämische Art kommentiert Raab das umstrittene Plakat des Berliner Grafik-Duos „Zwölf“, von dem er im Schleswig-Holstein-Magazin (NDR) gehört hatte.  Auch dort warnte ein Moderator die Zuschauer: „Und jetzt bitte nicht erschrecken. Das was jetzt kommt, ist keine Bildstörung.“ Gemeint waren besagte Rechtecke in Dunkelblau, Hellblau, Grünblau, Graublau... und  Blaublau.

Stefan Raab fragt ins Publikum: „Super, oder? Wenn Sie da vorbeigehen, sagen Sie – och komm, da gehen wir hin. Das scheint ja interessant zu werden.“

Raab reibt sich fast die Hände, als er die angeblichen anderen neun Entwürfe zeigt, die es nicht geschafft haben (Aber eigentlich aus seiner Redaktion stammen): Rechteck-Varianten in Gelb, Grün, Rot, Lila und anderen Farben des Regenbogens. Am Ende des gut zweiminütigen Beitrags präsentiert sogar Raab einen Neuentwurf des eigenen Plakats für den Bundesvision-Songcontest, der bald ansteht: 30 Rechtecke in Braun- und Beigetönen. „Das alte erschien uns nicht mehr zeitgemäß, nachdem wir das Kieler-Woche-Plakat gesehen haben. Wir haben sofort reagiert, das scheint im Trend zu sein. Das ist doch viel geiler. Da weiß doch jeder – Einschalten“, spottet der Moderator. Und schiebt noch einen hämischen Kommentar hinterher: „Falls Sie jetzt nichts erkennen können, dann ist Ihr Fernseher kaputt.“

Super PR oder PR-Super-GAU? Die Stadtverwaltung nimmt’s offenbar gelassen und mit Humor. Der Leiter des städtischen Wirtschaftsamts, Tim Holborn, hat den Hinweis auf Raabs Sendung am Donnerstag gleich via Twitter und Facebook verbreitet. Sein Kommentar: „Das Kieler-Woche-Plakat hat es zu TV Total 'geschafft'.“ Und weiter schreibt er: „Das ist nur Comedy, das müssen wir nicht ernst nehmen.“

Einer der beiden Gestalter des Plakats, der Berliner Designer Stefan Guzy, nimmt sich die anhaltende Diskussion um den Entwurf indes zu Herzen. Er möchte gern in die kontroverse Debatte einsteigen und seine persönliche Sicht als Plakatgestalter auf die Dinge darlegen. Er gibt aber auch zu: „Ich finde es ziemlich cool, dass es da Reibefläche gibt. Ein Plakat soll Aufmerksamkeit erregen und das ist uns gelungen. Von daher haben wir unsere Aufgabe übererfüllt.“

Unter anderem schreibt er in einem Beitrag, welcher der Redaktion vorliegt: „Es (Das Plakat, d. Red.) darf und soll laut sein (oder flüstern), es muss stören, berühren, verführen und irritieren. Und es soll vor allem Aufmerksamkeit erregen“, findet Guzy. Letzteres hat es in jedem Fall geschafft. Guzy endet seinen Beitrag so: „Bleibt noch die Frage, was dreißig unterschiedlich blaue Rechtecke auf dem Plakat zu suchen haben.“

Seine Antwort darauf: „Nun... ich mag die See. Nicht das Am-Strand-Liegen und der Norden ist mir auch lieber als der Süden (zum Mißfallen meiner Frau). Mich faszinieren – und da bin ich nicht allein – die hundert Facetten des Meeres: der große Spannungsraum zwischen spiegelglatter See und tosender Gischt, zwischen glitzernd klaren Strandnächten und einem nebeligen Hafenmorgen, das Farbspiel von hunderten von Booten im Regattafeld. Genau das erzählt unser Entwurf. Nicht mehr und nicht weniger.“

Die Jury, die das Plakat für die Kieler Woche im kommenden Jahr ausgewählt hatte, ist von dem Design hingegen überzeugt. „Noch nie in der Geschichte der Kieler Woche ist das Thema blau so umfangreich dargestellt worden“, hieß es in der Jury-Begründung. „Dieser Entwurf fordert den Betrachter auf, mitzukommen und eigenen Assoziationen freien Lauf zu lassen - ein Lichtreflex auf der Wasseroberfläche - die Tiefe oder Zartheit bei jedem Wetterumschwung.“ Kritiker auf Facebook sahen in den Blautönen allerdings eher den Alkoholisierungsgrad der Volksfest-Besucher widergespiegelt.

Stefan Guzy erklärt den Hintergrund des Motivs. Rund hundert Entwürfe hätten sie „wieder in die Tonne getreten“, darunter auch zahlreiche mit Segeln. Kurz vor Abgabeschluss haben sie es „gewagt“: „Wir haben uns darauf besonnen, was die Veranstaltung eigentlich ausmacht und wollten mit unserem Entwurf das Sinnliche, die Sehnsucht zum Meer betonen und das Maritime zurückholen.“

Designer Stefan Guzy äußert sich schriftlich zu seinem Plakat. Hier sein Brief im Wortlaut.

Meine Geschichte der dreißig blauen Rechtecke

Das Kieler-Woche-Plakat 2015 oder: Meine Geschichte der dreißig blauen Rechtecke

Ich mag Plakate. Sie sind groß, direkt und wenn sie großartig gemacht sind, dann berühren sie mich wie kein zweites gestalterisches Medium. Daran hat sich nicht auch viel geändert, seit ich 1997 mein erstes Veranstaltungsplakat von der Druckerei abgeholt habe.

 Was sich aber seitdem dramatisch verändert hat, sind Herstellung, Verwendung und Rezeption. Die Plakatgestalterwelt, die noch zu meinen Studienzeiten an der Berliner Universität der Künste im Raum stand, existiert schon lange nicht mehr: Eine elitäre Anzahl an Grafikern, Fotografen und Künstlern entwarf gut gestaltete und gut bezahlte Kulturplakate, die Informationen effektiv announcierten und auch im Straßenbild nicht von Werbung erdrückt wurden. Heute reden wir über ein anachronistisches Medium, denn es ist eigentlich zu aufwendig in der Herstellung, zu unflexibel bei der Informationsvermittlung und zu ungenau in der Zielgruppenadressierung. Was die Gestaltung betrifft, so hat die Demokratisierung der Entwurfswerkzeuge zwar die visuelle Palette auf eine großartige Weise breiter, aber auch die Qualität an vielen Stellen schwächer werden lassen. Die heutigen Honorare sind gering und manchmal habe ich das Gefühl, dass einige Plakate nur aus Gewohnheit produziert werden und in der Sache völlig sinnlos geworden sind.

Bei der Kieler Woche ist das aus zwei Gründen anders. Hier wird das Plakat zu Recht nicht als Anhängsel einer Kommunikationskampagne entworfen, sondern führt selbstbewusst das Erscheinungsbild an. Zweitens – und das ist der spannende Punkt – bewirbt es eine Veranstaltung, die durch ihren Weltruf eigentlich keine klassische Werbung mehr benötigt. Der darum geführte Wettbewerb, den es in dieser Form nirgendwo sonst in Deutschland gibt und der sich daher zu recht als der spannenste Plakatwettbewerb in diesem Land betiteln darf, bietet damit genau die Plattform für eine neue Generation von Plakatgestaltung, die heute mehr denn je im Kulturbetrieb gebraucht wird.

Das Plakat muss sich nämlich gar nicht mit Internet und Handyapps um Funktionalität messen, diesen Kampf kann es nur verlieren. Es sollte stattdessen ausspielen, was nur ein Medium kann, das dem Betrachter unvermittelt im Straßenraum vor die Füße geworfen wird: Es darf und soll laut sein (oder flüstern), es muss stören, berühren, verführen und irritieren. Und es soll vor allem Aufmerksamkeit erregen. In unserem Fall muss es auch nicht zwingend erklären, was jeder weiß: die Kieler Woche ist die Kieler Woche. Dieses grafisch zu erläutern, kann nach fast 150 Jahren Geschichte der Veranstaltung nicht ernsthaft die Aufgabe des Plakates sein.

Bleibt noch die Frage, was dreißig unterschiedlich blaue Rechtecke auf dem Plakat zu suchen haben. Nun... ich mag die See. Nicht das Am-Strand-Liegen und der Norden ist mir auch lieber als der Süden (zum Mißfallen meiner Frau). Mich faszinieren – und da bin ich nicht allein – die hundert Facetten des Meeres: der große Spannungsraum zwischen spiegelglatter See und tosender Gicht, zwischen glitzernd klaren Strandnächten und einem nebeligen Hafenmorgen, das Farbspiel von hunderten von Booten im Regattafeld. Genau das erzählt unser Entwurf. Nicht mehr und nicht weniger.

Stefan Guzy

 
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