zur Navigation springen

Speed-Dating für die eigenen vier Wände

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Projekt „Wohnen für Hilfe“ des Studentenwerks geht weiter: Bei einem Info-Nachmittag konnten neue Wohnpartner zusammenfinden

shz.de von
erstellt am 22.Sep.2014 | 04:38 Uhr

Wenn die Studenten nicht an ihren Tisch kommen, dann muss sie sich die eben heranholen: Irmgard Howiller ist zwar mit ihren 87 Jahren an diesem Nachmittag vermutlich die Älteste in der Runde, aber auch die forscheste. Kurzentschlossen springt sie vom Tisch auf, steuert den Nachbartisch an. „Sie suchen ein Zimmer?“ Der junge Mann mit dem rot-weiß gestreiften Hemd nickt nur, lächelt und zieht um an ihren Tisch. Für die kommende Stunde werden die beiden sich jetzt kennenlernen. Die Kielerin, so viel steht fest, hat großes Interesse.

Kaffee-und-Kuchen-Zeit im großen Saal des Studentenwerks in Kiel. Zu einer Art Speed-Dating für ganz spezielle WGs hat die Organisation geladen. Sie möchte sogenannte Wohnpartnerschaften stiften. Die entstehen, wenn Studenten ein Zuhause suchen und auf Kieler treffen, die ein Zimmer frei haben – aber keine Miete verlangen. Sondern pro Quadratmeter eine Stunde Unterstützung im Haushalt im Monat in Anspruch nehmen. „Wohnen für Hilfe“ nennt sich das „kleine, aber feine Projekt“, wie der Kieler Stadtrat für Soziales und Wohnen, Gerwin Stöcken, es an diesem Nachmittag bezeichnet. Seit fast zwei Jahren baut Koordinatorin Alexandra Dreibach die Initiative aus, die die Wohnungsnot von Studenten in der Landeshauptstadt entlasten soll. Zurzeit spricht sie von etwa 20 bestehenden Wohnpartnerschaften: „Wir haben ein gutes Angebot, aber eine größere Nachfrage.“ Jedes Jahr zum Semesterstart stehen viele Studenten auf der Straße, weil sie keinen Platz im Wohnheim oder in einer WG gefunden haben. Oder weite Wege zur Hochschule haben.

So wie Landry, 30 Jahre alt, aus Kamerun. Der mit dem rot-weißen Hemd. Noch wohne er in Hamburg in einer WG, sagt Landry. Zur Kieler Fachhochschule pendelt er. Dort studiert er im ersten Semester Elektrotechnik. Doch vielleicht wohnt er ja schon bald bei Irmgard Howiller?

Die alte Dame jedenfalls kommt schnell zur Sache: „Ich habe zwei deutsche Schäferhunde – mit denen müssten Sie sich vertragen“, sagt sie zu Landry. „Die laufen frei im Haus und kriegen auch jede Tür auf. Ich habe ein Einfamilienhaus.“ Ihr Mann sei vor kurzem verstorben. Nun hat sie das Schlafzimmer ausgeräumt, das Bett geteilt. Und sucht jemanden, der die Hunde mal in den Garten lassen kann. Der im Garten mit anpacken kann. „Aber Graben und Kompost umsetzen, das mache ich selbst, das kann keiner besser als ich.“ Landry grinst. Er grinst und lächelt viel. Ihm ist vor allem eins wichtig: „Von diesem Projekt habe ich im Internet gehört. Es hat mir sehr gefallen. Denn in meiner Kultur gibt es keine Altenwohnheime. Ältere Leute müssen mit jüngeren wohnen – deren Erfahrung ist wichtig für uns. Ältere haben so viel zu geben“, sagt Landry.

Der Kieler Wissenschaftsstaatssekretär Rolf Fischer (kl. Foto) findet auch nur lobende Worte für die Initiative: „Wir wollen, dass sich die Menschen mit ihrer Hochschule, Region und Stadt identifizieren. Ein Projekt wie dieses hilft dabei – es ist modellhaft, ich finde das toll.“

Es gibt Musik, kleine Sketche – doch Irmgard Howiller interessiert sich nur für die entscheidenden Antworten von Landry. „Rauchen Sie?“ Er verneint. „Ich trinke manchmal Bier.“ Dagegen sei ja nichts einzuwenden, findet die 87-Jährige. Und er fügt schnell hinzu, er sei gläubig. Katholisch. Sie ist evangelisch: „Wir glauben letztendlich alle an einen Gott.“

Am Ende der Stunde ist für die Kielerin, die schon in den 50er Jahren Zimmer an Studenten vermietet hat, die Sache klar: „Schauen Sie sich das Zimmer an, wenn Sie möchten.“ Landry beteuert: „Ich habe großes Interesse!“ Dann verabschiedet er sich. Auch Irmgard Howiller geht. Für andere Studenten hat sie kein Auge mehr.

Direkt an ihrem Tisch bleiben drei Leute sitzen. Anna-Lena Werger, 26 Jahre alt, Lehramtsstudentin und neu in Kiel. Sie ist gerade ganz frisch bei Hanna Kiel (69) und deren Lebensgefährten eingezogen. Auch wenn die drei noch am Anfang ihrer Wohnpartnerschaft stehen: Anna-Lena Werger fühlt sich wohl: „Man ist nicht allein, hat aber auch einen Rückzugsort. Nach Hause kommen ist für jeden schön.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert