Glosse: über die innere Zerrissenheit : Sommer, Sonne, Freizeitdruck: Wenn das gute Wetter zum Stress wird

<p>Als Schleswig-Holsteiner ist man eher regenverwöhnt. Wenn die Sonne scheint, muss das also ausgiebig genutzt werden – wie hier am Falckensteiner Strand in Kiel.</p>

Als Schleswig-Holsteiner ist man eher regenverwöhnt. Wenn die Sonne scheint, muss das also ausgiebig genutzt werden – wie hier am Falckensteiner Strand in Kiel.

Seit Wochen scheint in SH die Sonne. Das ist herrlich, aber irgendwie auch stressig, findet Redakteurin Dana Ruhnke.

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29. Mai 2018, 16:42 Uhr

Kiel | Der Wäschekorb quillt über, das Geschirr stapelt sich und durchgesaugt werden müsste auch mal wieder. Nützt ja nichts – daran lässt sich erstmal schlicht nichts ändern. Seit Wochen scheint die Sonne im Norden. Seit Wochen bin ich deshalb im absoluten Freizeitstress.

Geht es nur mir so? Oder ist das vielleicht sogar ein norddeutsches Phänomen? Schließlich muss doch jede einzelne der so kostbaren Sonnenstunden hierzulande genutzt werden. Der nächste Regen kommt bestimmt. Das Bewusstsein darüber ist fest eingebrannt in die schleswig-holsteinische Seele. Nicht umsonst geht diese Meldung derzeit durchs Internet:

 

Noch wurde die Störung nicht behoben. Noch ist ja auch nicht Kieler Woche. Also nach der Arbeit schnell zum Strand oder auch einfach in den Park nebenan – wo man dann eng an eng neben Hunderten anderer Menschen liegt, die ihr Glück auch nicht fassen können. Auch zur Mittagspause geht es mindestens auf den Balkon. Ist das ein Wetter!

Abends ist es ja dann aber auch noch schön – so lange hell, so lange noch herrlich warm. Klar muss man draußen bleiben. Irgendwo in einer Bar, im Café oder man fährt schnell mit dem Rad und einer Flasche Wein nach Holtenau ans Wasser.

Ich liebe den Sommer, aber...

Dieser Frühsommer ist toll. Ich möchte nicht falsch verstanden werden. Und doch: Wenn ich ehrlich bin, blicke ich hier und da mit ein wenig Neid in Richtung Süden. Zum Beispiel zu meiner Schwester nach Münster. Da regnet es in letzter Zeit auch immer mal wieder tagsüber. Das eine oder andere Gewitter. Wolken. Und sie? Sie bleibt dann einfach zu Hause.

Nicht so in Kiel. Hier lacht auch am Dienstagmorgen wieder die Sonne vom Himmel. Und da ist er wieder: der Rausgeh-Stress. Heute komme ich um eine Sache nicht herum: Das Auto muss in die Werkstatt. Aber gut. Auf dem Rückweg kann man ja dann direkt an einen See ganz in der Nähe. Ideal.

Der Kampf zwischen Sofa und Strand

Ideal? Nicht wirklich. Denn wenn man ehrlich ist, bin ich nicht der Typ, der ständig etwas um die Ohren haben muss. Ich sitze ganz einfach auch gerne mal auf dem Sofa. Ein gutes Buch, ein Film oder diese neue Serie. Aber bei gutem Wetter kann ich das nicht. Das macht mein Gewissen einfach nicht mit. 

Ein Blick auf den Wetterbericht gibt allerdings Grund zur Annahme, dass Petrus mir auch in nächster Zeit nicht wirklich hilft bei der Entscheidung zwischen Outdoor-Aktivität und Hausputz mit anschließendem Couch-Aufenthalt. Also heißt es ankämpfen gegen die innere Zerrissenheit. Und wenn ich so durch das Fenster in den herrlich strahlenden, blauen Kieler Himmel schaue, dann weiß ich schon, welche Seite am Ende doch wieder die Oberhand behalten wird.

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