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DaZ-Zentrum an der Max-Tau-Schule in Kiel : So lernen Flüchtlingskinder Deutsch

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Sie flohen vor Krieg, Hunger oder Folter. Wenn Flüchtlinge nach Deutschland kommen, sprechen sie kein Wort Deutsch. Wie man ihnen hilft.

shz.de von
erstellt am 28.Mär.2015 | 11:29 Uhr

Kiel | Die Musik schallt laut aus dem Klassenraum: „Es wird nicht mehr sein wie es war. Ich bin weg. Au revoir.“ 15 Jugendliche stehen hinter ihren Tischen und singen das Lied von Mark Forster mit. Wasim (14) wippt im Takt der Musik, während er singt. Auf dem Textblatt der zwölfjährigen Bessan stehen handschriftlich einige Bemerkungen über schwierigen Wörtern. Es sind Übersetzungen in das Arabische. „Damit ich weiß, was ich singe“, sagt das Mädchen. Bessan ist ebenso wie Wasim vor rund sieben Monaten aus Syrien nach Deutschland gekommen. Jetzt ist sie eine von 116 Schülern, die am „Deutsch-als-Zweitsprache“(DaZ)-Zentrum der Max-Tau-Schule in Kiel unterrichtet werden.

Landesweit gibt es inzwischen 84 DaZ-Zentren, die jeweils in Schulen integriert sind. Zielgruppe waren ursprünglich primär Kinder von Einwanderern. Mittlerweile sind aber vor allem Flüchtlingskinder in den Klassen. „Im Moment kommen viele aus Syrien“, sagt der stellvertretende Schulleiter der Max-Tau-Schule, Dieter Lange.

Und die Zahlen steigen. Allein in den ersten zwei Monaten dieses Jahres sind nach Angaben des Innenministeriums 2349 Flüchtlinge nach Schleswig-Holstein gekommen. Das sind 228 Prozent mehr als im Januar und Februar 2014. Wie viele schulpflichtige Kinder und Jugendliche unter den Asylsuchenden sind, wird nicht extra erfasst, wohl aber wie viele Flüchtlingen minderjährig sind. Im Januar und Februar waren das 614. Von den 7620 Flüchtlingen, die 2014 nach Schleswig-Holstein kamen, waren 2254 minderjährig. 1994 von ihnen war jünger als 16 Jahre.

Die Schüler (von links nach rechts) Bessan und Wasim aus Syrien sowie Markelina aus Ghana lernen Deutsch. Musik hilft dabei.
Die Schüler (von links nach rechts) Bessan und Wasim aus Syrien sowie Markelina aus Ghana lernen Deutsch. Musik hilft dabei. Foto: dpa

Der Bedarf sei förmlich explodiert, sagt Ayfer Taskin. Die junge Lehrerin ist seit vier Jahren am DaZ-Zentrum der Max-Tau-Schule. Damals habe es zwei DaZ-Klassen gegeben, jetzt seien es acht. Taskin unterrichtet in ihrer Klasse, in die auch Bessan geht, Mädchen und Jungen aus vielen verschiedenen Ländern: Aus Syrien, Afghanistan, Ghana, Eritrea, Russland, Polen, Armenien und Bulgarien.

Ganz einfach ist da die Verständigung nicht und erfolgt manchmal mit Hand, Fuß und Pantomime, wie Taskin sagt. Und dann gibt es noch Wörterbücher in allen möglichen Sprachen und natürlich moderne Hilfsmittel. „Alle haben ein Handy und es ist auch in Ordnung, wenn sie es zum Übersetzen benutzen“, sagt Taskin. „Am Anfang ist es immer sehr still in den DaZ-Klassen, aber das ändert sich mit der Zeit.“ Das Zentrum achtet laut Lange sehr auf eine Durchmischung der Klassen, was die Nationalitäten angeht: „Der Vorteil ist dann, dass die gemeinsame Sprache Deutsch ist.“

Zunächst einmal eint die Kinder aus den verschiedensten Weltgegenden aber genau das Gegenteil, ebenso wie in den anderen DaZ-Zentren: „Die meisten Kinder haben überhaupt keine (deutschen) Sprachkenntnisse“, sagt der Geschäftsführer der Lehrergewerkschaft GEW in Schleswig-Holstein, Bernd Schauer. Ansonsten sei die Ausgangslage sehr unterschiedlich: „Manche sind in die Schule gegangen, manche nicht. Manche können in ihrer Muttersprache schreiben, einige sind überhaupt nicht alphabetisiert. Das ist eine sehr große Herausforderung für die Lehrer.“

Ein Problem ist laut Schauer, dass die Zahl der Lehrer nicht ausreicht. Die Landesregierung hat bereits reagiert und versprochen, für die Sprachförderung weitere 125 Lehrkraftstellen und zusätzliche Mittel im Umfang von 7,7 Millionen Euro bereitzustellen. „Und das ist ausgesprochen positiv“, findet Schauer. So könnten die größten Löcher in der Versorgung gestopft werden. Die Schwierigkeit könnte nur sein, zügig geeignete Lehrer zu finden.

Schauer wies auch noch auf ein anderes Problem hin: „An vielen Orten fehlt auch die psychologische Betreuung.“ Man dürfe nicht vergessen: „Es sind Kinder die zum Teil viel durchgemacht haben. Die ihre Heimat verloren haben, die teilweise ihre Verwandten verloren haben, die gruselige Dinge erlebt haben, die man sein ganzes Leben nicht erleben möchte.“ Auch an der Max-Tau-Schule wird aus diesem Grund mit dem schulpsychologischen Dienst zusammengearbeitet. „Die Lehrer können gar nicht alles auffangen.“

Julia Ricart Brede ist Professorin für Deutsch als Zweitsprache an der Uni Flensburg. Sie hält das schleswig-holsteinische Mehrstufenmodell für sehr vielversprechend und vorbildlich. Die DaZ-Zentren, die sie kenne, leisteten hervorragende Arbeit. Die Organisationsformen für den DaZ-Unterricht unterscheidet sich von Bundesland zu Bundesland sehr. So werde in einigen Ländern zusätzlicher Deutschunterricht für Migrantenkinder als ergänzende Maßnahme beispielsweise an einer Regelschule angeboten, sagt Ricarda Brede, die zu dem Thema forscht.

In Schleswig-Holstein hingegen werden die Flüchtlingskinder, wenn sie auf die Kommunen verteilt werden, zwar einer Regelschule zugewiesen, bekommen zunächst aber ausschließlich Sprachunterricht in einem DaZ-Zentrum (Basisstufe). Nach und nach nehmen sie dann am normalen Unterricht teil (Aufbaustufe), bis sie schließlich voll am Unterricht in der Regelklasse teilnehmen (Integrationsstufe). In dieser Phase sollen sie wöchentlich noch zwei DaZ-Stunden von Lehrern der Regelschule erhalten.

So weit die Theorie des Modells, das auch der Gewerkschafter Schauer für ein „Superkonzept“ hält. „Aber durch den Anstieg werden die Gruppen zu groß und die Kinder erhalten nicht mehr genügend Stunden“, ist er überzeugt. Vor allem die Aufbaustufe funktioniere nicht mehr so gut. „Aus der Not heraus wird alles nach vorne gelegt, damit die Leute erst einmal überhaupt die Sprache lernen.“ Dennoch halten Lange und Taskim dieses Modell für gut, auch wenn es auch kritische Stimmen gibt, die für den sofortigen Besuch einer Regelschule plädierten. Ein Einwand sei etwa, dass die Schüler isoliert und nicht integriert würden. Ihnen der Kontakt zu anderen Kindern verwehrt bleibt. „Aber hier bei uns sehen sie, dass sie nicht alleine sind“, sagt Taskim. Mit ihren Biografien, mit ihren Sprachkenntnissen. „Sie können hier Selbstvertrauen tanken“. Wenn die Kinder und Jugendlichen ein Jahr ein DaZ-Zentrum besucht hätten, kämen sie ganz anders in der Regelschule an.

In der DaZ-Klasse von Ayfer Taskim ist inzwischen Ruhe eingekehrt. Die Musik ist abgestellt, die nächste Herausforderung wartet: Eine Wegbeschreibung zum Bahnhof - von verschiedenen Orten aus. Jeweils in Zweier- oder Dreiergruppen sollen die Jungen und Mädchen entsprechende Dialoge üben. Denn auch im Alltag sollen sich die Jungen und Mädchen möglichst bald ohne größere Sprachprobleme zurechtfinden können.

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