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Kieler Gefängnisarzt : So funktioniert die Praxis hinter Gittern

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Für den Notfall hat Thomas Jedamski einen roten Knopf an seinem Schreibtisch. In seinem Sprechzimmer sitzen harte Häftlinge, Beleidigungen gehören fast zum Standard.

shz.de von
erstellt am 25.Okt.2014 | 17:53 Uhr

Kiel | Seine Patienten haben ganz kurze Wege. Sie müssen dabei nicht mal über die Straße. „Und wenn sie sich nicht mehr bewegen können, mache ich auch einen Hausbesuch - in der Zelle“, sagt Thomas Jedamski. Der 55-Jährige ist der Gefängnisarzt der Kieler Justizvollzugsanstalt. Seine Praxis ist direkt am Zellentrakt angegliedert. Die Patienten marschieren aus ihrer Zelle zu ihm rüber.

Neben Kiel haben in Schleswig-Holstein nur die Gefängnisse in Neumünster und Lübeck festangestellte Anstaltsärzte. Die kleineren Gefängnissen im Land suchen regelmäßig Vertragsärzte auf. „Das ist ein guter Arbeitsplatz hier“, sagt der zweifache Vater. Rufbereitschaften gibt es nicht, als Beamter arbeitet der Regierungsmedizinaldirektor - wie sein Titel im Beamtendeutsch lautet - in Gleitzeit. 276 Haftplätze hat das Kieler Gefängnis. Nach Angaben des Justizministeriums sind davon derzeit etwa 230 belegt.

Die ganz „schweren Jungs“ sitzen allerdings nicht in Jedamskis Arztzimmer. Lebenslängliche Haftstrafen verbüßen Straftäter im Norden nur in Lübeck. Jedamskis Patienten sind in der Regel Wiederholungstäter. Seit 14 Jahren muss Jedamski auf dem Weg zu seinem Arbeitsplatz an Wachen vorbei. Das ständige Öffnen und Schließen der Sicherheitstüren ist bereits eine Selbstverständlichkeit. In den Praxisräumen selbst ist das aber anders. „Wir haben hier stets alle Türen geöffnet“, sagte der Internist. Das hat vor allem Sicherheitsgründe. Direkt rechts neben seinem Schreibtisch ist zudem ein roter Alarmknopf. „Den musste ich allerdings erst einmal betätigen, weil ein Häftling trotz mehrfacher Aufforderung nicht das Sprechzimmer verlassen wollte.“

Der Umgangston seiner Patienten ist mitunter schroff. Da ist ein gewisses Maß an Distanz ratsam. „Ein dickes Fell braucht man für den Job schon. Wenn mich jemand beleidigt, nehme ich das sportlich“, sagt Jedamski. Zu seinen Aufgaben gehört auch die Ausgabe von Ersatzdrogen wie Methadon. Fast jeder fünfte Insasse ist drogenabhängig. Viele seiner Patienten versuchen, über ihn Hafterleichterungen zu bekommen. Das Vortäuschen von Erkrankungen steht auf der Tagesordnung. Manchmal muss sich der Mediziner auch gegenüber Anwälten für die Behandlung von deren Mandanten rechtfertigen.

 

Generell sei die Schwelle, einen Arzt aufzusuchen, im Knast niedriger, sagt er. „Ich bin mir sicher, dass die mit den meisten Sachen draußen nicht zum Arzt gehen würden.“ Um Simulanten auf die Schliche zu kommen, steht dem Gefängnisarzt und seinen fünf Mitarbeitern eine umfangreiche Ausstattung an medizinischen Geräten zur Verfügung, vom Ultraschall bis hin zur Lungenfunktionsdiagnostik. „Wir sind besser ausgestattet als die meisten Hausarztpraxen“, sagt der 55-Jährige. „Bleibt die Diagnose trotzdem unklar, schicke ich den Patienten zum Facharzt. Sonst mache ich mich angreifbar.“

Haut-, Augen-, Zahn- und Hals-Nasen-Ohrenarzt kommen regelmäßig zu Sprechstunden in das Gefängnis. Aber natürlich lässt sich nicht jede Erkrankung hinter Gefängnismauern behandeln. Operationen von Patienten beispielsweise finden unter hohen Sicherheitsvorkehrungen in Kieler Krankenhäusern statt. Die Zusammenarbeit mit den Kollegen von außerhalb sei sehr gut, sagt Jedamski. Seinen Wechsel vom Schleswiger Krankenhaus in den Knast und nicht in eine eigene Niederlassung hat er nie bereut. „Die großen medizinischen Fälle habe ich hier zwar nicht, das meiste sind Bagatell-Erkrankungen. Dennoch ist die Tätigkeit anspruchsvoll und abwechslungsreich“, sagt Jedamski. Negativerlebnisse mit ehemaligen Häftlingen habe er noch nie gehabt

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