Singen für Freiheit, Einheit und Nation

1840 bis 1847: Auf den Sängerfesten drückt das Bürgertum seine Sehnsüchte nach nationaler Zugehörigkeit aus

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22. Dezember 2014, 16:45 Uhr

Rock, Pop, Rap – Gesang kann hochpolitisch sein. Das gilt auch für die Vergangenheit: In den Jahren 1840 bis 1847, im Vorfeld der schleswig-holsteinischen Erhebung und Revolution 1848, erlebten „Sängerfeste“ in den Herzogtümern Schleswig und auch Holstein einen Boom. Sie waren vor allem Versammlungen, auf denen politische Zukunftswünsche ausgedrückt wurden, in Liedern, aber auch in patriotischen Reden und Feiern.

In den Herzogtümern Schleswig und Holstein gärte und brodelte es in den 1840er Jahren. Vor allem in bürgerlichen Kreisen gab es aufgeladene Gefühle um nationale Zugehörigkeiten, Einheitsträume und Freiheitssehnsüchte, wie in ganz Europa auch. Das Herzogtum Schleswig, staatsrechtlich seit Jahrhunderten Teil des dänischen Gesamtstaats, aber mit dem zum deutschen Bund gehörenden Holstein eng verknüpft, wurde zum Zankobjekt: Die Fraktion der „Eiderdänen“ in Kopenhagen wollte die nationale Einheit ihres Königreichs bis zur Eider verwirklichen, die Ständeversammlung der Holsteiner aber verlangte die Aufnahme Schleswigs in den Deutschen Bund. Der noch ganz neue nationale Gedanke kannte auch sprachlich und kulturell kein sowohl als auch mehr. Er verdrängte gute Traditionen im dänischen Gesamtstaat, auch in Preußen und Österreich, in deren staatlichen Grenzen ebenso unterschiedliche Sprachen, Völker und Kulturen vereint waren.

Zurück nach Schleswig und Holstein: Beide Seiten – „deutsch“ und „dänisch“ – bekämpfen sich, doch zunächst nicht mit Waffen, das beginnt erst 1848. Noch bringen beide Seiten ganz andere Bataillone auf, nämlich Liedertafeln. Denn Lieder können Stimmungen und Ideen transportieren, Zusammenrücken ausdrücken. Wie zum Beispiel seit Jahrhunderten in Gottesdiensten, auch im Konflikt mit anderen Konfessionen. Deshalb war es kein Zufall, dass die neuen brodelnden Gefühle singend ausgedrückt wurden, allerdings ohne Ausnahme nur von Männern. Kampfesmutiger Männergesang wurde zum Träger des Nationalgedankens.

1839 bildete sich in der Stadt Schleswig die erste Liedertafel, Eckenförde folgte zwei Jahre später, und bald gab es sechzig Liedertafeln in den Herzogtümern Schleswig und Holstein. In Angeln sang man sogar auf den Dörfern. Bald ging es nicht nur um das Singen, sondern aus den Treffen wurden regelrechte Volksfeste mit Festreden, Umzügen, Tanz, Ochsen am Spieß, Wettschießen, Lotterie, Kanonensalut und Freudenfeuern, zufrieden jauchzte groß und klein. Aber: Aus tausend Kehlen wurde hier das nationale und das Freiheitsbekenntnis gesungen, ehrlich und echt. Und zwar meist mit extra gedichteten und vertonten, also neuen Liedern.

Im – auch dänisch regierten – Holstein schien die Zugehörigkeit zu Deutschland recht klar. Im Herzogtum Schleswig entfaltete das nationale Liedgut aber seine volle Sprengkraft. Ernst Moritz Arndts „Was ist des Deutschen Vaterland“, das 1813 während des „Befreiungskampfes“ gegen Napoleon entstanden war, erhielt auf dem Tönninger Sängerfest vom August 1843 großen Beifall. Genau das hatten sich die – deutsch gesinnten – friesischen Veranstalter erhofft, das laute Bekenntnis zum deutschen Vaterland. Nach Wein und Gesang kam die patriotische Rede. Dänisch gesonnene Schleswiger sahen dem Treiben natürlich nicht tatenlos zu. Auch sie konnten und mochten singen. Auf Skamlingsbanke nördlich von Hadersleben, der höchsten Erhebung des Herzogtums, errichteten sie 1843 ihren ständigen Festplatz.

Drei Sängerfeste gingen in die friesische Geschichte ein. Allein am 10. Juni 1844 strömten 6000 Menschen nach Bredstedt, mit freiem Blick auf die Marsch und das Wattenmeer. Auch der Dichter Theodor Storm saß im Festkomitee; der Ablauf kam ihm dann ein bisschen provinziell vor, wie er seiner Braut kritisch berichtete. Zum ersten Mal wurde hier das Unbeugsamkeit und Nicht-Unterwerfung demonstrierende Friesenwappen „Liewer düd, as Slaw“ in die Höhe gereckt. Aber statt eines eigenen sehr kleinen friesischen Staates im Deutschen Bund, forderten alle Redner und Kommentatoren auf dem Fest den politischen Anschluss Frieslands „an die deutschen Herzogtümer“.

Im ganzen Herzogtum Schleswig standen die Zeichen auf nationalen Sturm. Für den 24. Juli 1844 rüstete sich die Stadt Schleswig zum großen Sängerfest und gab hierfür „eigene Texte zur Verschönerung“ in Auftrag. So entstand das Lied „Wanke nicht, mein Vaterland“ beziehungsweise „Schleswig-Holstein, meerumschlungen“. Melodie und Text machten stark. 1846 verschärfte die Kopenhagener Zentrale die politische Zensur in beiden Herzogtümern, in Holstein wurden Volksversammlungen aller Art untersagt. „Schleswig-Holstein, meerumschlungen“ war vorerst verboten. Das letzte Sängerfest fand 1847 in der benachbarten Freien Hansestadt Lübeck statt.

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